Uterwedde: Zunächst haben die Franzosen am vergangenen Sonntag und davor klare Verhältnisse geschaffen. Frankreich ist wieder regierungsfähig. Chirac und seine bürgerliche Rechte haben eine klare Mehrheit, sogar eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament. Chirac hat mit seiner Regierung alle politischen Hebel in der Hand, und das ist zunächst eine gute Nachricht, übrigens auch für die Partner, dass die Kursbestimmung in Frankreich ganz klar ist. Andrerseits bleiben natürlich die Krisensymptome, die vor allen Dingen in der Präsidentschaftswahl am 21. April aufgetreten sind. Frankreich ist ein Land in einer sozialen Krise, mit einer politischen sozialen Krise, und insofern hat diese Regierung auch alle Hände voll zu tun, um dem Land wieder mehr Vertrauen zu geben und diese Krise zu überwinden.

Ensminger: Ist denn dieses Ergebnis auch die Absage der Wähler an die zurücklegende Kohabitation?

Uterwedde: Die Kohabitation wird jetzt ein bisschen ungerecht behandelt. Jospin hat in den letzten fünf Jahren eine gute Arbeit gemacht. Er hat viele Erfolge vorzuweisen gehabt. Aber am Ende war es dann doch so, dass sich Präsident und Premierminister gestritten hatten, dass die Franzosen den Eindruck hatten, hier ist Handlungsunfähigkeit, hier sind quälende Diskussionen und Taktiererei im Vordergrund, und damit wollten sie dann auch Schluss machen. Und Chiracs Taktik, den Franzosen zu sagen: Ihr habt mich gewählt, bitte gebt mir jetzt eine klare Mehrheit, damit diese Diskussionen aufhören, damit Frankreich wieder handlungsfähig wird, diese Strategie hat sich ausgezahlt.

Ensminger: Die beiden Köpfe an der Spitze ziehen voraussichtlich an einem Strang. Wenn man sich das anguckt, Raffarin gilt als treuer Ergebener des Präsidenten Chirac, und er wird ja aller Voraussicht nach Premierminister. Heißt das, dass Chirac die Entscheidungen fällt und Raffarin sie ausführt?

Uterwedde: Das ist eine Rückkehr zu der alten Lesart der Fünften Republik. Jahrzehntelang war dieses System so, dass der Präsident eine ihm ergebene parlamentarische Mehrheit hatte, und in diesem System ist in der Tat der Premierminister ein Premierminister von des Präsidenten Gnaden, und er führt das in der täglichen Politik aus, was der Präsident an Leitlinien vorgibt.

Ensminger: Etwas mehr als 60 Prozent der Wahlberechtigten haben sich aufgemacht, ihre Stimme abzugeben. Die Wahlbeteiligung war noch nie so niedrig. Was glauben Sie, woran es lag?

Uterwedde: Teilweise hängt das mit dieser Vertrauenskrise zusammen, von der ich sprach. Die Ursachen dieser Vertrauenskrise sind ja nicht in vier Wochen auf wundersame Weise verschwunden. Es gibt eine tiefe Entfremdung eines großen Teils der Franzosen mit der politischen Klasse insgesamt. Die Parteien, links wie rechts, haben nicht den richtigen Ton gefunden, haben nicht die Probleme der Bürger angesprochen, und diese schlechte Wahlbeteiligung ist teilweise ein Nachklapp dieser Krise. Zum Zweiten mussten viele Leute zum vierten Mal innerhalb von zwei Monaten wählen. Viele Leute haben gedacht: Die Sache ist gelaufen. Und man beobachtet häufig, dass nach einer Präsidentschaftswahl die Leute lieber an den Strand gehen als erneut zu wählen.