Geplant war eigentlich nur eine Fahrt nach Kassel, zur Documenta, die so sehr dafür gerühmt wird, dass sie alle fünf Jahre ein tiefgründiges Panorama der Künste aufspannt. Nun aber dies: eine Exkursion durch die Dunkelzonen der Gegenwart, ein Besuch bei den Entwurzelten und Gequälten, bei jenen, die ihre Heimat und ihr Ich verloren haben. Wirkliche Wirklichkeit will uns diese Documenta zeigen, sie will raus aus der Dekadenz und Selbstbespiegelung, will uns nicht abspeisen mit Augenschmaus, uns nicht aufputschen mit Schock und Spektakel. Stattdessen eine Reise zu den Krisen: um die kriselnde Kunst zu erneuern.

Veranstaltet wird die große Weltentour von Okwui Enwezor, dem Ausstellungschef. Er findet, dass sich die Künstler in postmoderner Beliebigkeit verloren haben, dass sie verrückt geworden sind an poststrukturalistischer Wortspalterei. Höchste Zeit sei es, sich vom ästhetischen Geplänkel abzuwenden, endlich sollten die Künstler wieder Verpflichtungen eingehen, sollten aufrütteln, sich einmischen - und auf ihre viel gepriesene Autonomie verzichten. Es gebe einen "ethischen Zwang", und dem müssten sie sich beugen, schreibt Enwezor im Katalog. Einzig in der Moral könne die Kunst wieder an Bedeutung gewinnen.

Überall gefilmte Reiseberichte und fotografierte Tagebuchnotizen

Die neue Avantgarde, die er in Kassel zeigt, plagt sich nicht mit Ober-, sondern mit Unterflächen. Meist sind es Künstler, die sich selbst als Forscher, als Rechercheure und Reporter verstehen, die Informationen sammeln und unser Weltwissen neu aufbereiten. Aus der Documenta haben sie ein Forum der Dokumente gemacht, sie füllen die Hallen mit Schautafeln und Diagrammen, mit gefilmten Reiseberichten und fotografischen Tagebuchnotizen. Selbst der Katalog arbeitet an neuer Unmittelbarkeit und präsentiert auf den ersten 40 Seiten statt Kunstwerken nur Pressebilder. Wir sehen Milocevic und Osama bin Laden, Arafat und Öcalan - lauter Fotos, wie sie von Agenturen täglich zu Tausenden ausgestoßen werden. Deutlicher könnte das Signal kaum sein: Diese Documenta will nichts überhöhen und nichts unterhöhlen, sie ist kein lyrisches Epos, sondern ein gut geschriebenes Sachbuch mit Abbildungsteil.

In diesem berichtet Autor Enwezor von den Schwächen des westlichen Systems, von den Gefahren der Globalisierung, vom Verlust der kulturellen Vielfalt. Unter Berufung auf Agamben, Habermas, Hardt und Negri fordert er eine Weltunordnung, eine Gleichheit der Unterschiede, frei von allem Vorherrschaftsstreben. Ground Zero, die Zerstörung des World Trade Center, müsse man als ein mahnendes Zeichen verstehen, um endlich über eine neue Gerechtigkeit nachzudenken, schreibt Enwezor - und erinnert in seiner kämpferischen Rhetorik an die gesellschaftlichen Umbrüche vor 30 Jahren. Schon 1972, bei der legendären documenta 5, forderte man eine "Befragung der Realität" und träumte von "Sozialer Skulptur", man zeigte Fotos aus dem Spiegel, die sezierenden Schwarzweißbilder von Bernd und Hilla Becher und die Konzepte von Hanne Darboven. Alles dies kann man heute erneut sehen.

Darboven wird von Enwezor sogar eine Sonderrolle eingeräumt, was in seiner ansonsten flachen Ausstellungsdramaturgie besonders auffällt. Um seinen politischen Prinzipien selbst gerecht zu werden, verzichtet er auf Hierarchien, es gibt keine fotogenen Symbolprojekte, und niemand darf den großen Platz vor dem Fridericianum für sich einnehmen. Die große Treppenhalle indes, die das Haupthaus der Documenta erschließt, ist ganz Darboven vergönnt. In drei Geschossen kachelt sie die Wände mit holzgerahmten DIN-A4-Blättern, über und über mit Zahlen beschrieben. Spröde ist diese Kunst und undurchdringlich, ein merkwürdiger Auftakt für eine Ausstellung, die sich doch mit weit aufgerissenen Augen an die Wirklichkeit heranmachen will. Und doch steht Darboven (zusammen mit On Kawara) für Enwezor im Kern seiner Documenta: Ihn fasziniert diese Kunst, weil sie ohne fassbaren Anfang, ohne greifbares Ende auskommt, weil sie nach Gleichrangigkeit strebt, nach einer Ordnung ohne Unterordnung. Sie sucht das Totale und bleibt doch dem Offenen verpflichtet - das Unabgeschlossene wird für Enwezor zum Programm.

Was mit diesem genau gemeint ist, wird besonders an den vielen Architekturprojekten deutlich, die an allen fünf Ausstellungsorten großen Raum bekommen. Vor allem die Altmeister einer flexiblen Baukunst sind in Kassel vertreten, zu sehen gibt es die schwebenden Himmelsgespinste des Yona Friedman ebenso wie die wuchernden Raumstationen von Constant. New Babylon nannte er seine hochfliegende Utopie der siebziger Jahre, die in vielen angerosteten Modellen zu besichtigen ist. Diese Stadt sollte nichts verordnen, sie war gedacht als etwas Vorläufiges, offen für ständige Neuaneignung. Noch heute lebt dieser Traum, zum Beispiel in den gleißenden Computerfilmen des New Yorker Büros Asymptote, ebenfalls in Kassel vertreten. Keine statischen Häuser wollen sie bauen, sondern geschmeidige Hüllen, die sich allem Unvorhersehbaren anpassen.