Christoph von Dohnányi: Ein bisschen entdecke ich in mir das Gefühl, dass sich unsere Zusammenarbeit erfüllt hat. Mich hat nie interessiert, was ich glaube verstanden zu haben. Ich habe immer versucht, mich vor Wiederholungen zu schützen, und deshalb ein Riesenrepertoire in Cleveland dirigiert, auch sehr viel moderne Stücke.

zeit: Dass ein Dirigent überhaupt 20 Jahre bei einem Orchester bleibt, gehört inzwischen ja zu den absoluten Ausnahmen im Klassikbetrieb.

von Dohnányi: In einer vergleichsweise kleinen Stadt wie Cleveland können Sie das noch machen. In New York wäre das ausgeschlossen. Dort ist der Hunger nach dem Immerneuen viel zu groß.

zeit: Sie hatten in Cleveland das Sagen in allen künstlerischen Fragen. Ist dieser Typus des allein herrschenden Chefdirigenten ein Auslaufmodell?

von Dohnányi: Gute und künstlerisch ambitionierte Manager, die auch Programme machen wollen, werden in einem Orchester immer wichtiger. Wir haben in Cleveland einen solchen, für den es nicht einfach war, mich immer fragen zu müssen. Er wollte die Strukturen ändern.

zeit: Gab es da einen Machtkampf?

von Dohnányi: Wenn es ein Machtkampf gewesen wäre, hätte ich ihn gewonnen. Dazu habe ich es aber nicht kommen lassen, weil ich weiß, wie viel ich schon mit dem Orchester erreicht habe. In einer Ehe wird es langweilig, wenn es nichts mehr zu entdecken gibt. So weit wollte ich es auf keinen Fall kommen lassen. Außerdem bin ich in einem Alter, in dem man sich noch einmal besinnen kann.