Immer wieder bitten uns Leser in warmherzigen Worten, wir möchten doch alle Bevölkerungsteile, auch die Menschen im Einflussbereich der Pisa-Studie, an unseren geistigen Genüssen teilhaben lassen und Fremdwörter ins Deutsche übersetzen, sofern sie dort nicht schon als solche vorrätig seien. Vor allem die häufige Verwendung des Wortes "postmodern" sei Menschen aller Klassen ein Dorn im Auge. Hatte nicht, so schreibt Leser Franz K., der große Erzieher Johann Heinrich Pestalozzi (1746 bis 1827) Journale und Skribenten aufgefordert, "allen Volksgliedern zur sprachlichen Selbstveredlung" zu verhelfen?

Nun, im Fall des Wortes "postmodern" ist die Kuh schnell vom Eis. Halten wir uns einfach an Günter Netzer: "Ich habe immer Ferrari gefahren. Meist in Schwarz. Ich hatte auch zwei rote. Beim letzten hat meine Frau gesagt: Der alte Kerl passt nicht mehr in so 'ne Kiste. Da habe ich mir wieder einen schwarzen geholt." Tiefsinniger vermag niemand die postmoderne Frage verständlich machen. Ist die Farbe "Schwarz" nämlich der Wahrheitswert (a) und die Farbe "Rot" der Wahrheitswert (b), dann ist die Wahrheit (x) nicht, wie der normale Leser zu meinen beliebt, der darunter befindliche, unlackierte Ferrari. Falsch! Die Wahrheit im postmodernen Sinn ist sowohl x (a) wie auch x (b). Und warum? Weil sich die Wahrheit nicht von der Gestalt ihres farblichen Auftretens abtrennen lässt und gar nicht fahrbereit wäre. Denn ein Ferrari, der weder rot noch schwarz ist, wäre mangels Schönheit kein Ferrari und deshalb ein empirisches Nichts, das zu fahren Günter Netzer keine Veranlassung hätte. Oder um Hegel-Lesern verständlich zu bleiben: Die Erscheinung des Ferrari, ob rot oder schwarz, bezeichnet das Wesen seiner Wahrheit als Aufhebung ihrer Negation. Sogar nachts ohne Fahrbahnrandbeleuchtung.

Ist also die Wahrheit eine Farbe? Nein, natürlich nicht. Den roten Ferrari erkennen wir nur, weil es nicht der schwarze ist und vice versa, selbst im Fall eines Totalschadens. Wird man nicht verrückt, wenn es keine Wahrheit gibt? Nein, es gibt sie ja. In unserem Fall ist es die beobachtende Ehefrau Claudia Netzer, als deren natürliche Wahrheit ihre unfallfreie Erscheinung gelten kann. Warum? Hätte Claudia nicht nach der Wahrheit gefragt, wäre deren eklatanter Mangel in der Fülle der Erscheinungen gar nicht sichtbar geworden, und "der alte Kerl" könnte noch immer seinen roten Ferrari fahren, der ihm jetzt fehlt. Liegt für einen postmodernen Menschen die Wahrheit also in der Mitte? Nein, weder noch. Sie hätte nur kein amtliches Kennzeichen!