Lärm macht doof. Diese Erkenntnis haben Raumakustiker der Universität Oldenburg gewonnen. Ein Übermaß an Geräuschen, so die Schallforscher, hindert Schüler daran, sich zu konzentrieren. Mit ihrer Studie entscheiden die Wissenschaftler nicht nur einen der heftigsten Generationenkonflikte zugunsten der Eltern. Was Mütter und Väter immer wussten, womit sie jedoch selten Gehör fanden, ist endlich belegt: Nebengeräusche stören beim Lernen. Alle Verteidigungsstrategien ihrer Kinder - "Mit Musik kann ich mich bei den Hausaufgaben besser konzentrieren" - erweisen sich als tönende Phrasen.

Gleichzeitig geben die Oldenburger Forscher dem Post-Pisa-Streit eine überraschende Wende. Weder Kinder oder Eltern noch Pädagogen oder Politiker tragen die Verantwortung für die schlechten Leistungen deutscher Schüler. Die Schule selbst ist schuld, ihre physische Verfassung. Die Akustik vieler Klassenräume ist so schlecht, dass der Unterricht in einem Klangbrei versinkt.

Die Wissenschaftler testeten - interdisziplinär flankiert von Psychologen und Pädagogen - die so genannte Nachhallzeit von Schulräumen. Sie gibt an, wie lange Töne in einem Raum nachschwingen. Für die "Hörsamkeit in kleinen und mittelgroßen Räumen" sollte sie 0,7 Sekunden betragen. Dieser Wert wird jedoch oft weit überschritten. Zusammen mit anderen unterrichtstypischen Klängen - Stühlerücken, Füßescharren, Handy-Gedudel - bilden die Worte des Lehrers dann einen Tonteppich, der jedes sinnvolle Lernen erstickt. Jetzt wissen wir, warum Rechtschreibregeln, Vokabeln oder Mathe-Übungen ins eine Ohr rein und aus dem anderen wieder rausgehen: Alles, was dazwischen liegt, ist bereits durch Störgeräusche besetzt.

Über 70 Dezibel maßen die Schallforscher in einigen Grundschulen, 30 Dezibel mehr als an vergleichbaren Arbeitsplätzen. Sage niemand mehr, Sportlehrer hätten es leicht in der Schule. Sie müssen einen Lärmpegel erdulden, der zwischen 90 und 100 Dezibel liegt. In anderen Berufen ist unter solchen Bedingungen das Tragen von Gehörschutz vorgeschrieben. Da Ohrenschützer beim Vorturnen am Reck oder Barren jedoch stören würden, hilft oftmals nur der vorzeitige Ruhestand: Burn-out, weil zu laut.

Wie immer haben es andere Länder früher begriffen: Die Architekten des Schulerfolgs sind tatsächlich Architekten. In Schweden müssen Schulen so gebaut werden, dass Lärmstandards eingehalten werden. In Deutschland könnten geräuschdämmende Materialien das Klangchaos bändigen: Teppich und Tapeten sowie Filzpantoffeln für die Schüler. Auch Gummiwände hätten eine schallabsorbierende Wirkung. Ebenso ließe sich die Lehrer-Schüler-Verständigung mit gezieltem Gegenschall aus Lautsprechern verbessern.

Ob die Oldenburger Forscher mit ihren Vorschlägen durchkommen, ist jedoch mehr als zweifelhaft. Wenn es um wichtige Reformen geht, stellt sich die deutsche Schule meist taub.