Die dritte Begebenheit, die einem in Hydra zustoßen kann, ist, von Maultieren über den Haufen gerannt zu werden. Um die Mittagszeit und abends, wenn die Dämmerung über die Insel kommt, werden die Tiere zu ihren Stallungen hoch über Hydra getrieben, und zwar im Galopp. Die Straße ist steil, und schon im gemächlichen Schritt kommt man selbst ins Schnaufen wie ein Ackergaul. Man hört die Tiere schon von weitem am hektischen Geklapper der Hufe auf dem harten Granit. Mit gestrecktem Hals und weit aufgerissenen Augen rennen jeweils acht bis zehn Tiere straßenfüllend hoch, im Sattel des Leitmaultiers ein rauchender Grieche mit einer Gerte, der es sichtlich genießt, den Touristen einen Schrecken einzujagen. »Training«, sagt er eines Tages, »Galopp und Steigung sind gut für die Kondition, sehr gesund, macht die Tiere stark.«

Schon ihr Name gibt Rätsel auf

Die vierte Begebenheit ist jene vielleicht 30-jährige Frau, eine blasse Athenerin, an einem geöffneten Fenster des größten Hotels der Stadt, dem Hotel Hydra. Jeden Tag steht sie dort, die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen, raucht eine nach der andern und wirft die Kippen matt auf die Gasse vor dem Hotel. Erst abends verlässt sie ihr Zimmer, holt sich Zigaretten und geht schnell die Hafenpromenade mit den Geschäften, Cafés und Tavernen entlang und macht sich anschließend rauchend auf den Weg in den Nachbarort Kamini, der ganz still ist und einsam. Einmal fragte sie der Zigarettenverkäufer, ob es ihr hier gefalle. »Es ist schön«, antwortete sie mit einer Stimme, die so zart und brüchig war wie das Grün des Frühlings auf der Insel.

Hydra ist ein 55 Quadratkilometer großes Kleinod zwischen Piräus und dem Peloponnes und die wohl sonderbarste aller griechischen Inseln. Schon ihr Name gibt Rätsel auf. Die Hydra ist jene Wasserschlange mit Hundekörper, gegen die Herkules verbissen kämpfte, und wann immer er ihr einen Kopf wegschlug, wuchsen zwei neue nach. Aber hier gibt es kaum Wasser, nur wenige Schlangen und erfreulicherweise kaum Hunde. Die Insel ist so karg und arm an Wasser, dass nicht mal Olivenbäume gedeihen. Sie ist ein großer Felsen aus Granit, auf dem sich im Frühling ein wenig Grün verirrt, binnen einem Monat aber verdurstet. Den Rest der Zeit ragt Hydra hart, grau und heiß aus dem Meer.

Das Besondere an Hydra sind seine Bewohner, 3000 ungefähr, ein Volk von Helden, Freiheitsfanatikern, klugen Geschäftsleuten und Querdenkern. Man muss wissen, dass für Griechen normalerweise die Schönheit ihrer Inselwelt so selbstverständlich ist, dass sie nicht zögern, immer wieder ein paar von Menschenhand geschaffene Hässlichkeiten in diese Landschaft zu setzen, um möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen. Nicht so Hydra. Man sieht keine Satellitenschüsseln, und der übliche griechische Schmuddel aus Staub, Schmutz, Kippen, achtlos die Böschung heruntergestoßenen Kühlschränken, Waschmaschinen und ausgedienten Autos existiert auf Hydra nicht.

Der Hang zur Sauberkeit ist derart ausgeprägt, dass abends, wenn die Tagestouristen Hydra wieder verlassen haben, die Hydrioten sich sofort daran machen, die Spuren des Tages wegzuwischen. Sogar die üblichen braun gebrannten, stoppelbärtigen Alten mit geflickten Hosen und Hüftproblemen fehlen, die überall sonst in Griechenland vor den Kafeneions rumsitzen und darauf warten, dass der Ouzo sie in die Gänge bringt. Man staunt über die Fähigkeit der Maultiere, ihr Geschäft erst oben in ihrem Stall zu verrichten. Als man später erfährt, dass die Maultierhalter dazu angehalten sind, die Exkremente ihrer Tiere umgehend aufzusammeln, erscheint auch die Galoppiererei die Straße rauf in einem andern Licht.

Für die Hydrioten ist ihre Insel ein Heiligtum, und ihr heroischer Kampf für die Unantastbarkeit ihrer Erde erinnert an dieses kleine gallische Dorf, das sich erfolgreich gegen Julius Cäsars Machthunger wehrt. Vor drei Jahren wollte Richard Branson, der englische Multimillionär, Besitzer von Flugzeugen, Hotelketten, Inseln und viel Macht, oberhalb von Kamini, dem Fischerdorf, ein Resort mit 40 Bungalows bauen. Aber er hatte die Rechnung ohne die Hydrioten gemacht, denen eine unverbaute Landschaft mehr wert war als Bransons Geld. Dreimal versuchte der Tycoon mit allerlei Tricks und Gutachten zu seiner Anlage zu kommen, aber Hydra erklärte diese Parzellen Land zu archäologisch relevantem Terrain, und das war's dann für Branson.