Karadzic wurde 1945 in Montenegro geboren, und dass Montenegriner dichten, ist ganz normal: "Sobald ein Montenegriner laufen gelernt hat", lästerte vor Jahrzehnten der Tito-Biograf Vladimir Dedijer, "schreitet er markig durchs Dorf und rezitiert heroische Verse." Die Art dieser Dichtung hatte schon 1941 der deutsche Slavist Gerhard Gesemann erkannt: Schmerzhafte Spannung zwischen dem empirischen Ich und dem Ideal-Ich - heroische Niederlagen, verschönt durch freudige Siege.

So gesehen, war Karadzic ein arttypischer Dichter - sogar ein guter, dessen Lyrikbände Verrückter Speer (1968), Menschengedenken (1971), Wunder gibt's und gibt's nicht (1982) und Schwarze Fabel (1990) zu Recht 1993 mit dem begehrten Risto-Ratkovic-Preis dekoriert wurden. Karadzic lebte seit 1960 in Sarajevo, wo er als Arzt tätig war und im Dichterkreis Sarajevo höchstes Ansehen als Autor genoss. Aber das blieb nicht so, erinnerte sich später der Lyriker Izet Sarajlic (geboren 1930): "Radovan kam als junger Poet zum Kaffee in mein Haus, er war Mannschaftsarzt beim berühmten Fußballklub Sarajevo. Wer hätte vor 1990 geahnt, dass aus ihm der größte Verbrecher Bosniens werden würde."

Seit Juli 1995 steht Karadzic auf den Fahndungslisten des Haager Tribunals, seit 1997 startete die Nato mindestens drei Aktionen zu seiner Ergreifung - und verpatzte sie alle, die letzte Anfang März 2002. Und Karadzic kehrt zu seinem Credo zurück, das er 1997 der Süddeutschen Zeitung diktierte: "Ich bin kein Monster, ich bin ein Schriftsteller." Nach Auskunft seines Verlegers Miroslav Toholj werkelt er an sechs Bänden Gesammelter Werke, einem Kinderbuch, zwei Romanen und zwei Bänden Reden und Artikel aus Kriegszeiten.

Dazu die sechsaktige Komödie Sitovacija, bereits erschienen und als Genre ein Novum für den Lyriker Karadzic. Der Titel ist eine Verballhornung von situacija und somit typisch für das Stotter-Serbisch (voller Gemanismen wie "fertik" und Amerikanismen wie "bljaf" - "bluff"), das Hauptheld Edi spricht. Edi bereitet, als Verkörperung der internationalen Gemeinschaft, den Serben Radojca auf eine Führungsrolle und die "Europa-Prüfung" vor. Assistiert wird er von Majstorovic, dem serbischen "leadermaker" im Ort, und von Mirza. Dieser steht für Bosnien - erkennbar daran, dass er kein Wort sagen und Edi nur Spickzettel zureichen darf.

Europa ist "Rinderwahn und Pädophilie"

Ort der Handlung ist ein Kneipengarten, und darin muss Radojca den serbischen Gruß ablegen. Der besteht aus drei gestreckten Fingern, angeblich aus der serbischen Art, sich zu bekreuzigen, entstanden. Klar, dass Radojca davon nicht lassen will, denn "kein Serbe wird für mich stimmen". Aber dann willigt er doch ein, nachdem er einen Finger strecken darf - was zwar wie eine obszöne Geste anmutet, "als Kompromiss" in einer "neuen Sitovacija" aber akzeptabel scheint. Es folgen zwei Szenen, die dem Leser widerwilligen Respekt abnötigen. Thema: ethnische Koexistenz. Und ein Text, wie ihn in der Tat Kocic, der wunderbare Fabulierer aus Banja Luka (1877-1916), geschrieben haben könnte:

Edi: Du lernen Zusammenleben!