Nachdem die Auseinandersetzung mit dem deutschen Linksterrorismus in letzter Zeit vor allem über das Kino wieder in die Öffentlichkeit getragen wurde, wundert es nicht weiter, dass nun ein Filmemacher einen Theatertext über die RAF geschrieben und inszeniert hat. Vor ein paar Jahren lernte Andreas Dresen (dessen Halbe Treppe in diesem Jahr den Silbernen Bären der Berlinale gewann) Inge Viett, ein ehemaliges Mitglied der Bewegung 2. Juni, kennen, plante sogar einen Film über ihr Leben, bis ihm Volker Schlöndorff mit Die Stille nach dem Schuss zuvorkam. Dresens Stück Zeugenstand - Stadtguerilla-Monologe, das nun an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin uraufgeführt wurde, beruht zum Teil auf Vietts Erinnerungen sowie auf den Aussagen weiterer Personen, die vermutlich ihre Wege kreuzten. Aus rauen Betonwänden hat Mathias Fischer-Dieskau einen bunkerhafen Gerichtsraum konstruiert, der sofort die Assoziation Stammheim weckt. In Handschellen spricht Steffi Kühnert als ehemalige Terroristin Sonja von ersten, dilettantischen Überfällen und den irgendwie unwirklichen Lehrlingsjahren im Untergrund, als das Klauen eines Käfers noch ein Ereignis war. Christine Schorn vollführt als Frau des erschossenen Kammergerichtspräsidenten ein Kunststück in Sachen preußischer Selbstbeherrschung, Axel Prahl berlinert sich als bauernschlauer Fahrer von Peter Lorenz durch eine So-seh-ick-det-Version der siebziger-Jahre-Politik, und Michael Prelle erzählt als Peter Lorenz gerührt, wie er gemeinsam mit seinen Entführern im Keller Heidi Kabel guckte. Ohne emotionale Girlanden vorgetragen, funktionieren Dresens Monologe als durchaus spannend aufgebaute Binnentexte, stehen aber monolithisch im Raum, ohne dass sich zwischen den Personen und ihren Sichtweisen eine wirkliche Beziehung ergibt. Als Lehrstück kommt die Aufführung zu spät, als Inszenierung erschließt sie das Themenfeld nicht fürs Theater, als politisches Statement fehlt ihr eine Haltung, die über die eine reine Parallelschaltung hinausgeht. Wirklich neu wäre ein ostdeutscher Blick auf die RAF gewesen, zumal Dresens Interesse für Viett, die jahrelang in der DDR untergetaucht war, einem persönlich-politischen Nachholbedürfnis entsprang. Nur einmal springt der Funke aus den historisch abgesicherten Texten über: Als Hausfrau, die mit ihrer behinderten Tochter trotz wiederholter Hilferufe von Peter Lorenz im Stich gelassen wurde, platzt Margit Bendokat schlichtweg der Kragen. So bodenlos ist ihre ohnmächtige Wut, dass sie in diesem Augenblick auch in etwas anderes umschlagen könnte.