Noch kein Jahr ist es her, dass Martin Walsers letzter Roman in die Buchhandlungen kam. Der Lebenslauf der Liebe spielt zwischen 1987 und 1999 und erzählt das Auf und Ab der Susi Gern, die an der Seite ihres Mannes, eines erfolgreichen Wirtschaftsanwalts, nicht glücklich wird. Während er Millionen anhäuft und mit Gespielinnen seine sexuellen Fantasien auslebt, sucht sie immer wieder nach dem Richtigen. Die Kandidaten quartiert sie probehalber im vom Ehemann gestellten Zweitappartement ein. Stundenlang lässt sie sich im Nagelstudio verschönern. Sie träumt davon, in ihrem bordeauxroten Porsche beigesetzt zu werden.

500 Seiten für 50 Mark, ein Leiden auf hohem Niveau - dann schlägt das Schicksal zu. Nicht nur ist die Tochter der Gerns geistig behindert; der Sohn gibt seine Bankkarriere auf und verschwindet im Rotlichtmilieu, die gemütskranke Schwiegertochter stürzt sich von der Oberkasseler Rheinbrücke in den Tod. Der potente Ehemann verspekuliert sich und bekommt obendrein Parkinson: Er scheidet als Häuflein Elend, zitternd, eingenässt, pleite, Pornovideos guckend. Die Witwe zieht vom 380-Quadratmeter-Penthouse in eine Einzimmerwohnung, das Sozialamt zahlt. Nebenan haust die Tochter mit den kranken Katzen.

Und dann: Susi Gerns neue Liebe, ein Student aus Marokko, 38 Jahre jünger als sie. Ab ins Bett, auf zum Standesamt.

Manchem Kritiker war das alles zu viel. Die Walsersche Lust am saftigen, tabulosen Fabulieren berührte hier keine politische, sondern eine ästhetische Schamschwelle. Immerhin, eindrucksvoll erzählt er aus der Perspektive der alternden Frau, und es ist diese Susi Gern, die auch Ulrich Greiner in der ZEIT Respekt abnötigte: "Walser liebt seine Heldin mit all seiner Inbrunst ..., was insofern nicht verwunderlich ist, als sie total seine eigene Erfindung, seine eigene Kreatur ist."

Was die Kritik damals nicht wissen konnte: Walser hat seine Heldin nicht erfunden. Die Frau, die Susi wurde, existiert. Und jetzt spricht sie. Eine Romanfigur verlässt ihren Text und geht zur Tür, denn es hat geklingelt.

Wer die 71-jährige Ursula Krüll in ihrer winzigen Wohnung besucht, fühlt sich nicht fremd; ihr Vorleben und ihre Vorlieben sind bei Walser ja ausführlich beschrieben. Das golden gerahmte Bild der Marilyn Monroe (S. 71), die Hintergrundmusik von Frank Sinatra (S. 38), der bordeauxrote Porsche (S. 184 - seit dem Bankrott nur noch als Foto), die kranken Katzen Jeannie und Domino (S. 9), das raumfüllende Bett (S. 473), die kunstvoll verzierten Fingernägel (S. 99) - Frau Krüll hat sich schön gemacht und geschminkt, an ihren Ohren hängen Uhren ...

Die Dummesuse, die wolle sie nicht länger sein