Lange, allzu lange war der Stuhl des deutschen Fußballphilosophen vakant. Allerdings war das auch kein Wunder angesichts der unvergleichlichen Qualitäten derer, die diesen Stuhl zuvor innehatten. Wir erinnern nur an Josef ("Sepp") Herberger und Martin Heidegger. Der Erste hat prägnant wie kein anderer den Grund-Satz der Fußball-Tautologie formuliert ("Der Ball ist rund") und war in seiner listigen Weise allen Wechselfällen gewachsen. "Dass man nicht weiß, wie es ausgeht", erkannte er als den entscheidenden Grund der existenziellen Spannung fußballerischen Daseins.

Heidegger wiederum hat nicht nur in seiner Jugend selber gegen den Ball getreten - und zwar als Linksaußen -, er war auch der Urheber einer eigenen Fußballontologie. Am Beispiel des nach seinen Worten "genialen" Beckenbauerschen Doppelpasses nämlich, dieser nicht einmal übermäßig einfallsreichen taktischen Figur, bei welcher der angespielte Spieler sogleich zum spielenden Spieler wird wie der anspielende zum angespielten, gelang es ihm, die Differenz zwischen Spiel und Spielendem analog zu der zwischen Sein und Seiendem mit unübertrefflicher Klarheit zu fassen.

Wer aber sollte mit solchen Vorgängern mithalten können? Dann endlich, mitten in den Jahren der Dürre und Bitternis, erstand dem deutschen Fußball ein selbstkritisch begabter Rächer und dem deutschen Fußballgeist ein würdiger Nachfolger - in Ihnen, lieber Herr Netzer. Wie einst in Ihrer aktiven, gloriosen Laufbahn kommen Sie aus der Tiefe des Studioraumes, um vorne an der Mattscheibe Ihre schonungslosen Analysen vorzutragen. Sie sind der Überbringer schlechter Nachrichten. Wo andere, so lügnerische wie gleisnerische Geister die Katastrophen schönredeten, lag Ihnen allein die Wahrheit am Herzen, und jedes Lächeln blieb Ihrem Gesicht fremd. Schon vor der WM haben Sie bekräftigt, dass Sie nach wie vor "keine schlechten Spiele gutreden werden". Das haben wir auch nicht anders von Ihnen erwartet. Ihre Begründung dafür aber war wahrhaft eines Philosophen würdig: Das entspräche nicht Ihrem Charakter und wäre "eine Verfälschung meines eigenen Ichs". Denn was heißt das anderes, als dass die Verfälschung des Objekts auch die des Subjekts wäre! Ja, selbst in Ihrem mit den Spielen ausgestrahlten Reklamespot (weil auch Fußballphilosophen leben müssen) halten Sie der ungeschönten Wahrheit die Treue. "Keine noch so gute Taktik ist so klug wie ein dummes Tor", das musste endlich einmal gesagt werden, obwohl nicht alle so klug sein werden, diese Botschaft auch zu verstehen.

Nun wissen wir noch nicht, wie Sie angesichts mehr oder weniger schönungsbedürftiger deutscher Spiele derzeit Ihre Rolle finden werden. Aber Sie haben für uns diese Weltmeisterschaft schon da gewonnen, als Sie erklärten, dass Sie nicht nach Japan und Korea zu reisen, sondern zu Hause im Studio zu bleiben gedächten, weil nur so und nur dort ein zuverlässiger Gesamteindruck zu gewinnen sei.

So ist es! Das Ganze, das immer das Wahre ist, kann sich nie begrenzt-bornierten Perspektiven erschließen. Deswegen bleibt ja schon in der griechischen Tragödie der wahre Beobachter und Berichterstatter auf der Mauer, ohne sich selber ins Getümmel der ebenerdigen Kämpfe hinabzubegeben. Die Fußballteichoskopie, die souveräne Mauerschau, ist Ihre Rolle! Und deswegen bleiben auch wir beobachtend zu Hause, um sowohl den Spielen wie Ihren Kommentaren und Spots als Fußballteichoskop zweiter Ordnung zuzusehen. Die Wahrheit, auch und gerade die fußballphilosophische, ist eine Frucht aufrechterhaltener Distanz!

Der Autor ist Fußballontologe in Freiburg