Volants und Rüschen in jeder Preisklasse, von H & M bis Yves Saint Laurent. Dabei stehen sie keiner Frau, die älter als 14 ist, und einem Mann sowieso nicht. Aber die kollektive Geschmacklosigkeit lässt sogar jene erblinden, die gemeinhin als Trendsetter gelten. Alle laufen freiwillig herum wie späte Mädchen. Als Claudia Nolte zu ihrer Einschwörung als Familienministerin in üppigem Besatz erschien, erholte sie sich jahrelang nicht mehr von diesem Auftritt. Fortan wurde sie nur noch "die Rüschenbluse" genannt. Heute wäre sie die Hippste der Hippen, denn sogar Britney Spears, die sich eigentlich als Rockröhre profilieren wollte, tauschte ihre Lederkorsage gegen ein romantisches Flatterhemdchen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als weiter in Umstandskleidern herumzulaufen, denn das Rüschenmeer kommt alternativlos daher: kein Label ohne den Unschuldslook.

Wie konnte es bloß so weit kommen? Gestandene Businessfrauen um die 50 schwingen plötzlich im Volantröckchen und mit entblößten Schultern ins Büro. Auch Männer machen den Wahnsinn mit und lassen hier und da etwas Brusthaar durch die Rüsche blitzen. Für alles muss mal wieder der 11. September herhalten. Das erklärt jedenfalls der Berliner Einkaufsleiter der Fashionmarke Kookai, die kein ungerüschtes Teil mehr in den Läden hat. Angeblich beschlossen die Topdesigner nach den Terroranschlägen einmütig, dem Military Look ein Ende zu setzen und stattdessen eine neue Romantik auszurufen. Heute haben wir das Ergebnis in Form eines globalen Modedesasters. Die Attentäter um Osama bin Laden haben also noch ganz andere Bereiche der westlichen Welt erschüttert als bisher angenommen - nämlich unser Geschmacksempfinden. Diesen Triumph sollten wir ihnen nicht gönnen. Ich rufe allen Rüschenträgern zu: Kehrt um! Lasst euch nicht länger zum Instrument der al-Qaida machen! Holt von mir aus eure Radlerhosen wieder raus, oder lauft in Karottenjeans herum! Alles besser als dieser süßliche Albtraum.

Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin "Polylux", jeden Montag um Mitternacht in der ARD