Noch wirkt der Rausch. Die FDP will Volkspartei werden. Das meint sie mit dem "Projekt 18". Wer dagegen ist, gönnt ihr den Erfolg nicht. So würde es gewiss auch der kämpferischen Österreicherin Heide Schmidt widerfahren, die sich von Jörg Haiders FPÖ absetzte und in Wien ein Liberales Forum ins Leben rief. "Ich glaube, mit einer liberalen Partei ist zwingend die Tatsache verbunden", spitzte sie zu, "dass sie nie eine Volkspartei werden kann." Gesellschaftspolitischer und wirtschaftspolitischer Liberalismus seien für sie "untrennbar miteinander verbunden". Der Demokratie tue es gut, "einen Maßstab von einer politischen Partei vorgelegt zu bekommen, für die der Liberalismus die Messlatte des politischen Handelns in allen Politikfeldern ist".

So nicht, nicht wie Haider! Das war, kurz gefasst, ihre Botschaft während eines Symposiums zum 85. Geburtstag von Marion Gräfin Dönhoff, die selber wie wenige andere verkörperte, was "liberal" im besten Sinne ist: unvergleichlich autonom, einem im Leben gewachsenen und überprüften Kanon verpflichtet, für diejenigen im Schatten nicht blind, auf öffentliche Angelegenheiten konzentriert und entschlossen, die Überzeugungen nicht zu predigen, sondern zu leben.

Rechts ist noch Platz ...

Ganz neu ist das nicht, was die FDP als Farce vorführt. Selbst der "Antisemitismusstreit" von heute, wie er fälschlich genannt wird, erinnert an den Antsemitismusstreit zu Bismarcks Zeiten. Möllemann ist nicht Treitschke. Aber die Frage reizt schon, ob und weshalb gerade die Liberalen aus der bürgerlichen Mitte im Laufe ihrer langen Geschichte immer wieder die Transporteure von Unsicherheiten, das Sammelbecken von Ängsten der Bessersituierten, der biedermeierlichen Seite des Bürgertums waren.

Wir sollten "uns mehr Sorgen um das Schicksal der Freiheit als um das Schicksal der liberalen Parteien machen", rät Ralf Dahrendorf (Die Krisen der Demokratie). Denn vielleicht, so warnt er, befinde sich das "liberale Denken" ebenso in einer Krise wie die Demokratie. Im Blick auf die deutsche Demokratie und den Parteienstaat kann man dennoch nicht zur Tagesordnung übergehen, wenn Guido Westerwelle mit der Melodie auf den Lippen, es gehe nur darum, zu verhindern, "dass Figuren wie Le Pen oder Haider bei uns Erfolg haben", gerade deren Lied singt. Das "Einsammeln von Protest", fügte er in einem stern-Interview hinzu, das keine Zweifel an den Absichten ließ, sei nicht "gleichbedeutend mit dem Verbiegen des Charakters und dem Verkauf der eigenen Seele".

Was sollte denn auch verbogen, was verkauft werden? Augenblicklich vollzieht sich, was Peter Lösche und Franz Walter schon 1996 in ihrem Büchlein über Die FDP hellsichtig prophezeiten. "Nur noch rechts ist viel Platz frei", lautete ihre Analyse, der Blick führte hinüber zu Haider und der Lega Nord. Und "es wäre keineswegs ein Traditionsbruch im Liberalismus", behaupteten sie, wenn sie als "plebiszitär inszenierte und populistisch verformte Emanzipationsbewegung" des politisch rechts stehenden Bürgertums aufträten.

Dahrendorfs Wort von der Krise des "liberalen Denkens" muss man so übersetzen: Gerade die Erfolgsgeschichte der liberalen Republik könnte es sein, die sie einholt und unsicher macht. Ganz im Unterschied zur Hochzeit des Liberalismus, also des entstehenden Bürgertums, in dem es noch oben und unten gab, erlebt man heute eher einen Liberalismus von unten, einen der Gesellschaft, der selbst - und sei es mithilfe der Grünen - auf Bürgerrechten besteht, die Verfassung verteidigt und eine Begründung von Politik verlangt, weil ihr die Macht nicht umstandslos zusteht. Den Parteiliberalen bleibt dann der Rückzug aufs Wirtschaftliche, was ihnen nie fremd war.