Vor einigen Wochen war Christoph Broelsch noch sehr erbost, dass die Medien seinen Namen im Zusammenhang mit Organhandel erwähnten. Den Zorn des Essener Chirurgen erregten Presseberichte über eine umstrittene Transplantation in Jena, die bis heute die Staatsanwaltschaft beschäftigt. Broelsch und ein Jenaer Kollege hatten einem kranken Israeli die Niere seines moldawischen Vetters eingepflanzt. Die Ermittler treibt der Verdacht, bei der Organübertragung sei gegen das deutsche Transplantationsgesetz verstoßen worden.

Vergangene Woche war es mit der öffentlichen Zurückhaltung des Mediziners vorbei. Nur mit dem Prinzip Altruismus sei der Spendemüdigkeit nicht zu begegnen, verkündete Broelsch beim Internationalen Transplantationskongress in Essen. Es müsse über materielle Anreize für Organspender nachgedacht werden. "Genügt reine Liebe", stichelte der Arzt vor seinen Kollegen, "um das Leben für das Wohlergehen eines anderen zu riskieren?"

Gleich darauf erklärte Broelsch die Debatte um Bezahlung für Organe auch vor den Pressevertretern für eröffnet. Man müsse diskutieren, "ob der Einzelne und die Gesellschaft in geordneter Form andere Motivationen akzeptieren können." Insbesondere die Lebendspende, bei der Gesunde ein Organ hergeben, biete sich für Entlohnung an. Immerhin mute die jetzige Praxis den Spendewilligen "sehr dezidierte Fragen nach ihrer Motivation und psychischen Stabilität zu". Dabei würden "Probleme in Familien hineingetragen". In seiner Familie etwa gebe es sechs Kinder. Wer käme nun als Spender für einen kranken Elternteil infrage? Familien mit einer solchen Problematik zu belasten sei, "gelinde gesagt, nicht nur unseriös, sondern fehl am Platze". Schließlich biete sich eine andere Lösung an: "Da ist doch jemand, der aus klarer Motivation sagt, ich brauche jetzt das Geld, ich verkaufe meine Niere, und dann kann man sie transplantieren."

Solche Thesen waren bis vor kurzem in Deutschland undenkbar. Manche Ärzte lehnen jegliche Entschädigung für eine Spende ab. "Da wird der Weg in den Organhandel eröffnet", sagt der Freiburger Transplanteur Günter Kirste. Doch auch er hat bereits im Ausland bei einer so genannten Überkreuzspende mitgewirkt, die nach dem deutschen Transplantationsgesetz als unzulässiger Tauschhandel angesehen werden kann. Dabei spenden Ehepaare einander eine Niere, weil die Blutgruppen der eigenen Partner nicht zueinander passen. Broelsch hat für solche juristische Finessen wenig übrig. Er plädiert für finanzielle Anreize, bei Organen von Gesunden wie auch von Verstorbenen. Schließlich erspare ein Nierentransplantierter der Gesellschaft in fünf Jahren 125 000 Euro gegenüber einem Patienten, der auf die Blutwäsche angewiesen ist. Warum sollte der Spender von diesem Geld nichts abbekommen? "Auf lange Sicht wird sich das in unserer ökonomisch ausgerichteten Gesellschaft durchsetzen."

Er jedenfalls tut das Seine dazu. Als prominenten Anwalt des Organhandels hat er den Wirtschaftsnobelpreisträger Gary Becker auf den Essener Kongress geladen. Er kennt den "Chicago Boy", wie die marktgläubigen Mitglieder der ökonomischen Fakultät in Chicago genannt werden, noch aus den Zeiten, als er selbst am Lake Michigan wirkte und den US-Pragmatismus schätzen lernte. Becker ist der Prototyp dieses Denkens: Ob ein Mensch eine Ehe schließt, Kinder zeugt oder ein Verbrechen begeht, wird nach seiner Überzeugung von dem Nutzen bestimmt, den er davon hat.

Nun will Becker das Primat der Ökonomie auf die Transplantationsmedizin übertragen. Er sei kein Experte auf dem Gebiet, aber die wachsenden Wartelisten und der Schwarzmarkt für Organe hätten sein Interesse geweckt. "Wenn ein Ökonom solche Phänomene sieht, folgert er unverzüglich, dass die Preise nicht funktionieren." Der Schwarzmarkt sei die Konsequenz, wenn einem Markt künstliche Beschränkungen auferlegt würden. Bereits eine "maßvolle Bezahlung" könne "die Schere zwischen Angebot und Nachfrage bei Organen vollkommen schließen", verspricht Becker, und den illegalen Handel überflüssig machen. Preisvorschläge lieferte er gleich mit: 10 000 Dollar für eine Niere, das Doppelte für ein Stück Leber. Im Verhältnis zu den Gesamtkosten einer Transplantation - für die Niere geht er von 100 000 Dollar aus - seien die Zusatzausgaben gering. Sie könnten von Versicherungen oder vom Staat übernommen werden.

Steuersparmodelle für Spender