Schon mit seinem letzten Musiktheater Luci miei traditrici, 1998 für Schwetzingen geschrieben, hatte Sciarrino diese Frage beantwortet und sich dabei in den Ruf des "besten lebenden Barockkomponisten" gebracht, weil er an Monteverdis brennende Sprachlinien anknüpfte. Dabei schuf er eine eigene Ausdrucksform, eine artifizielle Unmittelbarkeit, die ihresgleichen sucht. Der 55-Jährige ist der Silbenstecher der neuen Musik, sein Vokalstil folgt der Sprache so drängend, dass sie demaskiert wird. Denn ihm geht es um die Sprache derer, die etwas zu verschweigen haben.

Macbeth, die brutalste und gespaltenste Gestalt Shakespeares, hat sich und der Welt besonders viel zu verschweigen. Zuerst den Traum vom Königsmord, dann den Mord selbst, dann weitere Morde, mit denen er seine blutige Krone sichern zu müssen glaubt. Ein Ungeheuer? So sahen ihn die meisten Komponisten, die den Stoff bislang vertonten. Für Sciarrino ist Macbeth nur ein Glied in der langen Kette, die in der Hitze der Macht geschmiedet wird. Nicht dieser Mörder hat den Terror erfunden, sondern umgekehrt. Er ist von Anfang an ins Morden eingebaut.

So zeigt ihn auch der Regisseur und Bühnenbildner Achim Freyer, der den Macbeth anfangs horizontal in ein skizziertes Tunnelgewölbe hineinragen lässt, als sei er mit den Füßen an die Wand geschraubt. Und so singt der Bassbariton Otto Katzameier, nein: Er stößt Töne und Worte hervor. Die jeweils erste Silbe staut sich, wie blockiert von dem, was sich nicht sagen lässt, auf einem längeren Ton, der dann mitsamt der folgenden Silben in viele kleine Teile zerspringt. Die wiederum fügen sich ins Gespinst der Geräusche, die das 26-köpfige SWR-Instrumentalensemble hervorbringt, von Johannes Debus geleitet: helle, harte, verbrannte, geschmirgelte Farben.

Mitunter greifen die Instrumente imitierend eine Tonfolge auf, um sie zu pulverisieren, oder sie unterstreichen ein Wort wie "Grab" mit einem dumpfen Laut der großen Trommel. Auch die Saiten, Felle, Metalle scheint es zum Sprechen zu drängen, aber zu einem Sprechen ohne Vokale, einem Raspeln der Konsonanten. Daraus wird ein menschenfernes Eigenleben der Klänge, das an den ersten Satz aus Albrecht Schaeffers Helianth denken lässt: "Ununterbrochen feilten die Grillen." Als Macbeth durchdreht und Geister sieht, werden diese Grillen überlebensgroß.

Sie formieren sich zu Blöcken, bewaffnen sich mit kreischenden Querflöten und feilen Macbeth das letzte bisschen Selbstbewusstsein weg. In dieser Situation liefert sich auch Sciarrino selbst aus. Zur Erscheinung des ermordeten Banquo ist Mozarts Musik für den Steinernen Gast zu hören - im Rahmen dieser Partitur ein Schock, bei dem sich Pathos und Ironie die Waage halten und nach dem man merkt, wie autark Sciarrinos eigene Sprache ist, wie weit man ihr schon folgte. Sie ist so gegenwärtig, dass Mozart in ihr ausnahmsweise mal nicht zeitlos, sondern historisch klingt.

Recycelte Traditionstrümmer

Dass er danach auch noch Verdi zitiert, wirkt allerdings überzogen. Genauso wie der Chorepilog in dieser Zweistundenoper, mit dem Sciarrino plakativ aufs alte Theater verweist und wiederholt, was ihm im Übrigen meisterhaft gelingt: Trümmer von Traditionen zu recyceln zu einer neuen, selbstbewussten Musik. Da sie diesmal fünf verschiedenen Solisten angepasst wird (darunter die grandiose Lady Macbeth der Annette Stricker), und da das Libretto eher Facetten als Dramatik liefert, wirkt Macbeth nicht so unmittelbar wie Luci miei traditrici - aber noch tiefer.