Schicksalsfragen der Nation werden nicht länger dem Kicker überlassen. Auch der Kulturredakteur darf sich öffentlich zu seiner heimlichen Schwäche bekennen: Fußball als Metapher für den archaischen Traum vom erfüllten Mannsein. Jetzt ist es raus. Ein Pass in den kulturellen Raum. Selbst die "FAZ" überrascht mit tabuloser Offenheit. Sie entlarvt Kommentatoren als "Stilblüten- und Phrasensammler", die nicht nur ein Fußballspiel "totquatschen". Das war uns neu. Auf dem Prüfstand auch das Fußballseminar der ARD mit den philosophierenden Spitzen Delling und Netzer. Wer neben Doppelpass mit Tratsch und Theorie griffige Sinnsprüche ("Der Kopf denkt, der Fuß versenkt") für den Abreißkalender der sportbegeisterten Jugend formuliert, gehört längst zu den Erziehern der Nation. Da muss sich selbst ein Günter Netzer neuerdings gefallen lassen, dass seine Syntax in der "SZ" näher unter die Lupe genommen wird. Bei jedem Ballkontakt erwarten wir eine Pointe. Wie wäre es mit ein paar anderen netten Klischees? Keiner weiß mehr als Paul Breitner. Das ist kein Witz. Der Sprachjongleur Marcel Reif spricht Fußballlyrik. Wolf Dieter Poschmann, der Gestenreiche, lebt nach der Devise: Ernst ist das Spiel, heiter das Leben beim Sport im ZDF. Oliver Welke ist der Miroslav Klose der WM-Moderatoren. Und was leistet die Viererkette mit Beckenbauer, Hellmann, Schumacher und Nickles bei Premiere? Gute Defensivarbeit. Keine Chance für verbale Gegentore. Bevor ich am Warsteiner Stammtisch bei DSF Platz nehme, erscheint mir Udo Lattek und spricht in Rätseln. Schön, dass ich noch Thomas Helmer bei Sat.1 treffe. Da redet einer über Fußball, und es steigen keine Blasen auf. So ähnlich könnten Bernhard Minetti und Sepp Herberger ihren Diskurs geführt haben. Auch Otto Rehagel und Jürgen Flimm treffen sich zu Gipfeltreffen von Trainer und Ästhet. Schuss-Tor-Vorhang. Ihre geheimen Aufzeichnungen sind bis heute unveröffentlicht. Geoutet hat sich Martin Walser, der bekennt: "Wenn ich mich abreagieren will, schaue ich Fußball." Aha.

Eine Nation von Experten sind wir. Kein Wunder, dass man auch am Kabinettstisch Fußballverstand unter Beweis stellen muss. Die Kanzlerfrage: "Wer war der dritte Torhüter im DFB-Team 1954?" Natürlich Felix Kubsch vom FK Pirmasens. Das hätten Sie nicht gewusst? Schade.