Zuzutrauen wäre es ihm; der 29-jährige Deutsche ist bekannt für seine Scherze. Der Trainingsanzug auf dem Sofa könnte aus seiner Herrenkollektion sein. Und ging es ihm nicht in dieser Saison um das »Fernsehglotzen«? Zu seinem letzten Defilée am 10. März 2002 in Paris jedenfalls ließ Willhelm die 20-Uhr-Nachrichten der ARD laufen. Dazu erfreuten sich die Zuschauer, die zumeist kein Wort Deutsch verstanden, an mit Fernsehern bestickten Röcken, Hosen, Pullovern und Taschen, zum Teil von arabischen jungen Männern getragen, die Willhelm nur wenige Stunden zuvor an der Pariser Metrostation Barbès eingesammelt hatte.

Willhelm ist außerdem ein großer Steven-Spielberg-Fan. Seine Mädchen steckt er zurzeit gern in Dinosaurierkleider, und seit Jahren scheinen sich die Affen und Krähen auf seinen Entwürfen kaputtzulachen über die Menschen, die sie tragen. Eines seiner Sweatshirt-Motive zeigt eine Pyramide mit einem Auge darin. Für den Designer ein politisches Statement - »nach meinem Motto Big Mother is Watching You «, wie er zu sagen pflegt.

Doch der Typ im Trainingsanzug sagt leicht genervt, Bernhard Willhelm befände sich ein Stockwerk tiefer. Über das Treppenhaus - komplett verstopft mit noch mehr Gerümpel - würde das jetzt ungefähr drei Tage dauern. Also zurück in den Aufzug. War das jetzt statt des zweiten der dritte Stock? Vielleicht gibt es hier ein Zwischengeschoss. Und am Ende kommt man wahrscheinlich auf dem New Jersey Turnpike raus, so wie in dem Film Being John Malkovich. Also ein neuer Versuch.

Das Licht geht aus, der Aufzug bleibt stehen. Diesmal offenbar an der richtigen Stelle: Mit Affen bedruckte Stoffballen versperren hier den Weg zum Treppenhaus. An der Stelle, wo ein Stock höher oder wo auch immer vorhin der Mann im Trainingsanzug auf dem Sofa saß, sitzt jetzt Bernhard Willhelm an einem Tisch und kritzelt auf einem Zettel herum. Zu seinem weinroten Kapuzen-Sweatshirt und einer Kordhose in der gleichen Farbe trägt er weiße Adidas-Schuhe. An der Fensterfront hinter ihm stehen überquellende Kleiderstangen, die mit Secondhand-Fundstücken behängt sind. Dahinter sitzt in einem großen Käfig ein struppiger schwarzer Vogel, der mit seinem gelben Schnabel ähnliche Geräusche macht wie sein Meister mit dem Kugelschreiber.

Die arme Krähe. Hat wohl schon länger kein Futter mehr bekommen? Bernhard Willhelm muss im Gegensatz zu dem Vogel nur ein paar Schritte gehen. Mit dem Zettel bewegt er sich in die Küche und stellt eine Suppe auf den Herd, bevor er seinen Besuch durch die ungefähr 100 Quadratmeter führt.

Innenarchitektur, die an Cocktailpartys aus den fünfziger Jahren erinnert, prägt das Interieur. Jetzt, nach 19 Uhr, sind die sieben Zimmer allerdings leer, auch Jutta Kraus, seine Partnerin, ist nicht mehr da. Dafür entdeckt man überall verstreut andere, wohl bekannte Dinge. Vorlagen, die der Designer in seinen Kleidungsstücken verarbeitet hat: Batteriebetriebene Harlekinballerinas, Pierrot-Clowns, Dinosaurierskelette, AC/DC-Aufnäher, Plüsch-Gremlins, Küchenmesser und den fast schon berühmten alten Stoffaffen aus Willhelms Kindheit in Ulm. Seit der ersten Kollektion taucht er immer wieder auf; Affenhand und Küchenmesser gehören zu den festen Bestandteilen von Willhelms Schneiderkunst. Man findet sie auf den Etiketten und Preisschildern seiner Kleidungstücke. Was sie allerdings mit dem mittelalterlichen Märchen aus Antwerpen zu tun haben, in dem ein Zwerg einem Riesen die Hand abhackt und das der Designer immer wieder gern erwähnt - daran will Willhelm sich heute nicht mehr erinnern.

»Ich setze meine eigenen Grenzen. Natürlich eckt man damit an«