Seit der Verweigerung in Camp David und Taba (2000) fährt Jassir Arafat zweigleisig: Mobilisierung weltweiter Sympathie, Terrordruck gegen Israel. Seine Strategie will nicht aufgehen. Die fast täglichen Einmärsche der israelischen Armee rücken auf die hinteren Seiten der Gazetten, der fast tägliche Terror hat Israel hinter Ariel Scharon zusammengeschweißt. Rechtsaußen Netanjahu hat gegen Scharon keine Chance.

Psychologisch wie strategisch steht Arafat heute schlechter da als vor einem halben Jahr. Die wichtigste PR-Schlacht, die in Washington, hat er vorerst verloren. Denn George Bush ist wieder einmal "enttäuscht" von Arafat. Noch gravierender aber ist Arafats strategisches Problem. Seit dem Massaker von Netanja (27. März) hält Israel sich nicht mehr an die alten Spielregeln: Das ganze Westufer, also auch der Teil unter palästinensischer Herrschaft, gehört nun zum Operationsfeld der Armee. Die alte Besetzung ist wieder da, wiewohl im täglichen Rein und Raus der Panzer und Spezialtruppen. De facto ist Arafat wieder König Ohneland, und der Palästinenserstaat, der in Camp David und Taba auf dem Silbertablett lag, ist vorerst perdu.

Doch fordert Arafats Fehlkalkulation noch einen dritten Preis. Zum ersten Mal seit Gründung der PLO 1964 ist seine Macht sichtbar gefährdet. Bush jedenfalls hat die Geduld mit ihm verloren. Arafat habe "dem palästinensischen Volk nicht Hoffnung und Vertrauen gegeben". Folglich müssten andere Institutionen her, "um der Israelis wie der Palästinenser willen". Gefährlicher sind freilich die Stimmen aus dem eigenen Lager. Ein Anklagepunkt ist die Korruption (siehe auch Arafat bombt, Europa zahlt, ZEIT Nr. 24/02). Hussan Chader, Mitglied des Palästinenser-Parlaments, bezeichnet die Machthaber als "Verbrecher gegen das eigene Volk". Sein Kollege al-Qader fordert: Arafat "muss einen Teil seiner Macht abgeben". Hanan Aschrawi will nicht nur ein neues Parlament, sondern auch "Neuwahlen für die Präsidentschaft". Minister Nabil Amru bezeichnet das jetzige Regime als "Übergangsregierung". Es regt sich also die demokratische Konkurrenz, die es vor einem halben Jahr nicht gewagt hätte, den Mund zu öffnen.

Fazit: Arafat (mitsamt seinen zwölf Sicherheitsdiensten) lässt weiter bomben, derweil sein Staat Stück um Stück zerfällt. Und seine Macht auch. Welch mörderische Ironie. Er wähnte, mit Gewalt mehr zu bekommen als in Taba. Jetzt wird es immer enger, vor allem für ihn selbst.