Wissen Sie schon, wen oder was Sie wählen sollen? Es ist zwar noch knapp hundert Tage hin, aber irgendwann muss man mit dem Nachdenken schon einmal anfangen. Das Dumme ist nur: Bevor man wissen kann, was man wählen soll, muss einem ja erst einmal erklärt werden, zwischen welchen Angeboten man wählen kann. Die Entscheidung müssen wir schon selber treffen, in Ordnung. Aber die Angebote müssen schon diejenigen machen, die gewählt werden wollen.

Doch da sieht es düster aus. Oder sagen wir: Da stochern wir im Nebel, der sich mit dem CDU-Parteitag, so fürchte ich, auch nur weiter verdichten wird. Anstatt sich zu lichten.

Aber selten zuvor war ich so überfordert mit der (immerhin denkbaren) Aufgabe, einem - sagen wir: - Gast zu erklären, was denn die verschiedenen Parteien nach einer Wahl politisch vorhaben. Von Spitzenkandidaten erfährt man das ja sowieso nicht. Die sind heutzutage ja keine Angreifer mehr, sondern nur noch Verteidiger. Die Angst vor dem Eigentor ist allemal größer als die Lust, dem Gegner einen Ball in den Kasten zu schießen.

Dieses Sich-Wegducken nimmt inzwischen sogar ganz absurde Formen an: Da sagen die Provinzfürsten Koch und Wulff von der CDU, schon im Wahlkampf müssten alle Pläne einer Regierung Stoiber klar auf den Tisch. Sagen sie dies etwa, weil sie diese Kolumne schon gelesen haben, bevor sie geschrieben wurde? Oh, bewahre! Nein, sie rechnen wie folgt: Im Wahlkampf werden keine unangenehmen Wahrheit und keine schmerzlichen Maßnahmen verkündet. Wenn wir also sagen: "Noch vor der Wahl muss alles auf den Tisch", heißt das: Es kommt nichts auf den Tisch - schon gar nichts Unangenehmes. Und nach der Wahl haben wir dann ein schönes Argument in der Hand: Was vor der Wahl nicht angekündigt wurde, kann nach der Wahl auch nicht gemacht werden. Nach der Wahl ist aber - vor der Wahl. Denn nach der Bundestagswahl folgen Landtagswahlen in Niedersachsen und Hessen. Und da ist die Rechnung von Koch und Wulff doch ganz verständlich: Vor der Bundestagswahl will Stoiber nicht mit Wahrheiten heraus. Wir beide legen nun Stoiber beizeiten darauf fest: Nach der Wahl gibt's nichts anderes als vor der Wahl - also: wiederum und weiterhin nichts. Und so gibt es auch bei unseren beiden Landtagswahlen in Niedersachsen und Hessen - nichts, schon gar nichts Unangenehmes, was unseren Erfolg behindern könnte. Und so kommt es, dass nicht nur die Bundesdeutschen, sondern auch danach die Niedersachsen und die Hessen nicht wissen, wozwischen sie - und also: was sie wählen sollen.

Und warum sollen sie dann überhaupt hingehen?

Schließlich weiß ich es selber auch (noch) nicht.

Kommentare und Anregungen sind herzlich willkommen: leicht@zeit.de