In der Süddeutschen Zeitung wiederum beklagte sich Jürgen Habermas. Seine Ermahnung zur Zivilisierung des Diskurses verband der Philosoph mit einem düsteren Gefuchtel über allerlei Tabubrecher, deren Identität er nicht nannte. Es waren offenbar alle gemeint, die dem Philosophen jemals in die Quere gekommen waren. Aber das Publikum musste nicht lange rätseln. Auch die nicht Genannten haben sich gemeint gefühlt. Der Merkur-Herausgeber Karl Heinz Bohrer hat mit einer wütenden Attacke in der Frankfurter Allgemeinen reagiert, ebenfalls alles einschließend, was ihn an Habermas im Besonderen und an ideologischen Ressentiments im Allgemeinen schon immer verbitterte.

Habermas wiederum antwortete in der FAZ mit einem Brief, in dem er bestreitet - nun, was auch immer. Die Welt ist voller Wunden, wie Marcel Reich-Ranicki früher gern zu sagen pflegte. Der Gute! Er, das eigentliche Opfer, hat solche Verteidigung nicht verdient. Die berechtigte Frage, wie man mit ihm und seinem Leben umgehen dürfe, hat sich in Windeseile in die Frage verwandelt, wie andere meinen, dass mit ihnen umgegangen werde oder früher schon umgegangen wurde. Das ist die Wirkung der Enthemmung, die mit Walsers Roman begann und von seinen Kritikern mit einem maximalisierten Antisemitismusverdacht fortgesetzt wurde. Dieser Verdacht hat die Qualität einer Bedrohung, die offenbar einen überall latenten Wahn weckt. Es ist die Szene aus Bram Stokers Dracula-Roman, wo just in dem Moment, da sich der transsylvanische Graf mit seinem Sarg nach Westen einschifft, die Patienten in einem Londoner Irrenhaus zu toben beginnen, Fliegen fressen und von der Ankunft des Herrn faseln.

So beginnen sich nun in der intellektuellen Republik die Erniedrigten und Beleidigten zu sammeln (auch wenn ihr Leiden nur schwer erkennbar ist). Das ist die weniger lustige Pointe der Debatte: Im Zuge all der raffinierten Antisemitismus-Sucherei ist vollkommen vergessen worden, dass Antisemitismus keine fragile Erscheinung ist, die sich nur unter dem Elektronenmikroskop beobachten lässt, sondern ein höchst robustes Phänomen, dem im 20. Jahrhundert Millionen und Abermillionen zum Opfer gefallen sind. Man sollte seine Diagnose nicht mit Rechthaberei in eigener Sache verwechseln.