Geht es in der Mixed-Zone um Fußballspieler? Unsinn, der junge Ägypter wollte nicht mit Fußballspielern sprechen, er wollte sich fabelhaften Wesen nähern, dem brasilianischen Team. Und er ist in seinem Drang nicht allein: Brasilien ist in Korea der absolute Renner. Selbst in Seogwipo auf der kleinen Insel Jeju, dem am schwierigsten zu erreichenden und teuersten Spielort in Korea, selbst in Seogwipo ist Brasilien der Renner. Es ging nur gegen China, es ging nur um die Höhe des brasilianischen Sieges. Aber Brasilien zu gucken ist Pflicht, nein, Wunsch für die Fans und übrigens auch für die, die professionellen Fußballgucker. Ja, es gilt nachzusehen, ob die Brasilianer nicht doch irgendwo einen Heiligenschein haben. Am Fuß vielleicht. Oder am Kopf. Unter der Hacke?

Die Sache mit dem jungen Ägypter konnte sich klären, ein Freund hatte das Ticket schon abgeholt. Und auch die Suche nach dem Heiligenschein konnte abgeschlossen werden. Er wurde gefunden. Einer am Fuß. Einer am Kopf. Einer unter der rechten Hacke. Bei Ronaldo auch noch einer unter der linken. Gut, Torwart Marcos hat keinen, brasilianische Torhüter hatten noch nie einen und brauchen auch keinen, weil Brasilianer davon überzeugt sind, Torhüter seien eigentlich überflüssig. Und Lucio, der für Leverkusen spielende und für die Grobarbeit zuständige Abwehrspieler, hat auch keinen. Die beiden sind sozusagen die Quotenmenschen der Brasilianer.

Frankreich, der Weltmeister, ist ausgeschieden, es lebe der ewige Weltmeister: Das Land vom Ostzipfel Südamerikas stellt auch bei dieser Weltmeisterschaft die besten Fußballer der Welt. Wie beglückend, sie zu sehen: Ronaldo, wie er im Anflug auf Rivaldos Flankenball scheinbar die Flugbahn ändert, um per Fußdrehung den Ball ins türkische Tor zu bugsieren; Rivaldo, wie er den Ball mit der Ferse stoppt, ihn einhakt mit dem Vorderfuß wie der Gärtner die Garbe und drei Chinesen ins Leere laufen lässt; Roberto Carlos, wie er am Ball vorbeiläuft und ihm dann doch noch mit nach hinten gestrecktem Bein Effet gibt - Jan Ceulemans, der König der Billardspieler, könnte es nicht besser - auf dass der Ball sich in die Höhe hebt und um den chinesischen Verteidiger herumdreht -, für so etwas bekommt man einen Heilgenschein verliehen.

Ohne viel Federlesens entledigten sich die Brasilianer der Vorrunde, und da ging es ihnen besser als allen anderen Favoriten, sei es den echten aus Argentinien und Frankreich, den geheimen aus Portugal oder denen, die Favorit aus Tradition sind, wie die Deutschen. Brasilien also auf dem Weg zum nächsten Titel, zum fünften?

Immer wenn Brasilianer spielen, spielen, spielen, stellt sich die alte Menschheitsfrage, ob das Individuum mehr leisten kann oder die Gemeinschaft. Für sich allein hat etwa der Fernsehreporter Fritz von Thurn und Taxis beim Verlassen des Stadions von Seogwipo die Antwort gefunden: "Hübsch, was die Brasilianer machen. Mal sehen, was passiert, wenn sie unter Druck geraten gegen die kompakten Teams." Fußball ist ja auch deshalb so toll, weil er sich so wunderbar bündig verkürzen lässt: Brasilien gegen die Welt, das sind also Individualisten gegen Kollektive, das ist filigran versus massiv, Kunst contra Arbeit, Magie im Streit mit der Wirklichkeit, das ist Kinderglück gegen den Ernst des Lebens. Was muss Mittelfeldstar Emerson im Training auch tun, was alle Kinder gern tun, wenn sie mal Ollie Kahn sein wollen respektive der Clown und sich ins Tor stellen? Und? Kugelt sich dabei den Arm aus, und die WM findet ohne ihn statt. Das ist die Realität! Rivaldo hat sie auch schon eingeholt. Das war ja auch nicht fein, dass er gegen die Türkei so tat, als habe ein vom Gegner getretener Ball ihm das Gemächt zerschmettert und der brachiale Türke daraufhin des Feldes verwiesen wurde. 10 000 Franken kassierte das irdische Fußballgericht der Fifa dafür vom Fabelwesen. Können Götter fehlen?

Sie wehrt sich noch, die Wirklichkeit. Es gibt aber Indizien, dass sie verlieren könnte bei dieser WM. Die Brasilianer haben sehr perfide in all ihr Gewese ein bisschen Pragmatismus reinpacken lassen von Trainer Luiz Felipe Scolari. Das fing schon mal damit an, dass er all die Traumtänzer, die Brasilien in der Bundesliga vertreten, ignorierte. Was hat Alex Alves von Hertha BSC, was sein Kollege Marcelinho, was Giovane Elber vom FC Bayern München und sogar Ze Roberto von Bayer Leverkusen, was haben die gemein mit Ronaldo, Rivaldo, Carlos, Ronaldinho, Edilson? Die Staatsangehörigkeit. Ansonsten trennen sie, vielleicht mit Ausnahme von Ze Roberto, Fußballwelten.

"General" wird Scolari in der Heimat genannt, vielleicht auch, weil ihm schon als zweitklassiger Kicker jeglicher Feinsinn abging und er als Verteidiger sehr zweckorientiert, sprich grobschlächtig zu Werke ging. Irgendwie hat er seinen erdfernen Gestalten beigebracht, dass es sich auch sehr schön spielen lässt, wenn man den Ball ab und an, nicht zu oft, anderen überlässt. Gegen die Türkei klappte das noch nicht so gut, aber immerhin schlug Rivaldo den Pass zu Ronaldo, und das, obwohl er nur noch zwei Slalomstangen in Form zweier türkischer Spieler vor sich hatte und eigentlich auch hätte alles allein machen können. Ronaldo hat sich dann gegen China so effizient zugunsten der anderen zurückgehalten, dass er ein Tor vorbereitete und eins selbst schoss. Auch hat man Brasilianer bei dieser WM schon grätschen gesehen. Ohne gleich zu arbeiten, zu arbeiten, zu arbeiten.