Dunkelmänner - so heißen im Verlauf der Jahrhunderte mit variierenden Inhalten und Formen diejenigen, denen Gedankenfreiheit nichts gilt, die sich als Diktatoren oder ihre Satrapen wohlfühlen, Widerspruch als störend empfinden und deshalb nach Kräften verbieten. Sie sind Fundamentalisten, die meinen, den Stein der Weisen zu besitzen und mit ihm jeden Widerspruch erschlagen zu dürfen, Bücherverbrenner von der Inquisition bis zur SA, Zensurlakaien von Metternichs Zeiten an bis zur für die Druckgenehmigung oder -verweigerung zuständige Behörde der DDR unter Klaus Höpcke, der bis vor kurzem für die PDS im thüringischen Landtag Sitz und Stimme hatte und sich beispielsweise ungescholten zeigen durfte, wenn in der Paulskirche zu Frankfurt am Main der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels überreicht wurde, ein Nutznießer und Genießer unserer gegen ihn erstrittenen Freiheit.

Die Freiheit wird bei uns selten gepriesen. Ein wundersames Lob habe ich gefunden: "Wenn die schimmernden Taten der Ruhmsucht und einer verderblichen Herrschbegierde auf unsere Bewunderung Anspruch machen, wieviel mehr eine Begebenheit, wo die bedrängte Menschheit um ihre edelsten Rechte ringt, wo mit der guten Sache ungewöhnliche Kräfte sich paaren und die Hilfsmittel entschlossner Verzweifelung über die furchtbaren Künste der Tyrannei in ungleichem Wettkampf siegen. Groß und beruhigend ist der Gedanke, daß gegen die trotzigen Anmaßungen der Fürstengewalt endlich doch eine Hilfe vorhanden ist, daß ihre berechnetsten Plane an der menschlichen Freiheit zuschanden werden. Nirgends durchdrang mich diese Wahrheit so lebhaft als bei der Geschichte jenes denkwürdigen Aufruhrs, der die Vereinigten Niederlande auf immer von der spanischen Krone trennte - und darum achtete ich es des Versuches nicht unwert, dieses schöne Denkmal bürgerlicher Stärke vor der Welt aufzustellen, in der Brust meines Lesers ein fröhliches Gefühl seiner selbst zu erwecken und ein neues unverwerfliches Beispiel zu geben, was Menschen wagen dürfen für die gute Sache und ausrichten mögen durch Vereinigung."

Wie die alte Unterdrückung neu verklärt wird

So Friedrich Schiller. Ich hege den tiefen Wunsch, ein Chronist unserer Tage möge mit dem gleichen Feuer ans Werk gehen, den Abfall des Volkes der DDR von seinen Bedrückern zu preisen, dieses Denkmal bürgerlicher Energie vor der Welt aufzustellen und in meiner Brust ein fröhliches Gefühl zu bestärken. Tatsächlich erleben wir das Gegenteil. In diesem Frühjahr sind allerlei Bücher erschienen, die bemerkenswert geballt die alte Unterdrückung verklären. Hermann Kant hat mit Okarina einen sein Leben tangierenden Roman vorgelegt. Dem betagten Wortspieler ist die Erfinderkraft weitgehend abhanden gekommen. Tatsächliches vermischt er mit Erfundenem so undeutlich, dass es beim Leser alle Entdeckerlust zerstört. Einmal äußert er, was seiner Meinung nach der Leser von ihm erwarte. Reißt er nun reuesüchtig die Brust auf und kriecht zu Kreuze? Auch damit kokettiert er: Wenn die Öffentlichkeit das Monster erwarte, habe man es gefälligst zu spielen. Es ist wie schon im Abspann, seinem Biografieversuch Anfang der neunziger Jahre: Er erzählt die Hälfte, lügt also durch Weglassen.

Viele Manuskripte finden in unserer Freiheit einen Verleger, so auch Sascha Andersons 300 Seiten über seinen Verrat. Ist das nun der lange Weg zu sich selbst oder neue Täuschung? Als sein Doppelspiel ruchbar wurde, meinte ich, er müsse sich den Strick nehmen oder auswandern nach Australien oder Kanada, um als Schafhirt oder Kleinbahnstreckenwärter stumm zu büßen. Aber ich gewahre ihn seither auf Buchmessen, schwarz gekleidet und gemieden in Winkeln. Nun spielt er ein frisches Spiel mit sich und uns, probiert, was einer Öffentlichkeit zuzumuten ist, stellt sich der Diskussion und schweigt, wenn es für ihn ernst wird. "Es zerfetzt mich jetzt", erklärt er, der die Fetzen seines Ichs noch nie zusammenflicken konnte. So einer war auch Ibrahim Böhme, allerdings von minderer Härte. Beide waren und sind kein Fall für die Literatur- oder die Politikgeschichte, sondern für die Couch des Psychiaters.

Schon manches mal habe ich gehofft: Das ist nun der letzte rote Husten, die meisten alten Diktaturfans haben sich endlich zum Begreifen und zum Lob der Freiheit durchgerungen. Aber da war der Wunsch wohl der Vater meiner Zuversicht. Fritz Rudolf Fries, den ich für meinen Freund hielt und der mich an die Stasi verriet, sieht in seiner Autobiografie im Zusammenbruch seiner Spitzelwelt nicht den Sieg der freiheitlichen Demokratie, sondern den Triumph Hitlers. "Das doppelte Fritz-chen" nennt ihn Focus. Schon immer hegte Fries Drang zum Hohen und Höchsten und schmückte sich mit Vertrauten in der Weltliteratur und im Leben. Penibel zählt er Botschaftsempfänge her; Günter Grass habe seiner Gefährtin Komplimente gemacht. So geht das: "Ich freute mich, Grass wiederzusehen. Zuletzt war ich ihm auf dem Hamburger PEN-Kongress von 1986 begegnet. Wir hatten in der mit schönster Kunst geschmückten Wohnung des Kritikers Fritz J. Raddatz gesessen, zusammen mit Rühmkorf, Kempowski ..." Keine Silbe über seine Zuträgerei zum Schaden von Kunert, Schlesinger, Fühmann, Jurek Becker und Stefan Heym. Die quälende Lektüre dieser Viertelwahrheiten haben wir nun hinter uns.

Ganz und gar verzweifelt wirkt Volker Braun: "Da ist kein Land für mich." Er sieht keine Visionen mehr; das töte die Menschen oder treibe sie zur Gewalt. "Wir haben die Morgenröte entrollt, um in der Dämmerung zu wohnen." Armer Volker. Keine Visionen mehr, Landsmann aus Dresden? Ich reise über die ungültige Grenze bei Helmstedt und Hof, schaue angestrengt nach allerletzten Spuren, und meist finde ich nicht einmal die. Nennst du das Dämmerung? Europa voller Hoffnung: Nie mehr werden in Flandern Kanonen donnern oder Bomben auf England fallen, nie mehr Panzer an der Stalinallee, in Bitterfeld und Prag die Freiheit niederwalzen. Kein Bautzen II mehr, kein Buchenwald in zwiefacher Funktion. Auf dem Balkan wächst sehr langsam die Demokratie. Neue Visionen möchte ich dir zeigen, Volker, in Polen, in Brünn und im Baltikum. Ich lebe nicht in der Dämmerung, mein Freund, und bin deshalb zehnmal fröhlicher als du. Es könnte auch sein, in deiner Lebenserfahrung und Herzensbildung fehlen bloß ein paar Jahre Knast. Denn, so lehrt es uns Heinrich Heine, die Freiheitsliebe ist eine Kerkerpflanze.