Dass die Hamburger Band Tocotronic einmal als deutsche Antwort auf Nirvana gehandelt wurde - lang, lang ist's her. "Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk", kommentierte sie den unheroischen Alltag in der Rockprovinz schon damals über einen ihrer sprechenden Songtitel. Heute trägt Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow Anzug und erzählt im Kaffeehaus, immer ein wenig seinen eigenen Worten nachhorchend, wie die neue Platte zustande kam. "Nicht so finalistisch" sei man an die Sache herangegangen, mehr im Sinne eines Workshops, bei dem die Beteiligten sich und ihre Ideen bearbeiten: rein ins Studio, das Werkzeug ausgepackt, dann "sehen, wohin der Ball rollt".

Er rollt wie auf einem Gameboy-Display. "This boy is Tocotronic", verkündet eine elektronisch verfremdete Stimme, nachdem bereits in der ersten Zeile vom Aufbruch die Rede war: "Ja, das ist jetzt, der einzige Zweck, alles um uns herum ist weg". Endgültig weg sind sie dann wirklich, die typischen Erkennungszeichen aus den Neunzigern, als Musik- und Mädchenzeitschriften die Band zum Jungswunder des alternativen Rock kürten: die Dreiakkordreißer, der zitier- und konsensfähige Trotz in der ersten Person. Wo früher griffige Slogans waren, herrscht auf dem ebenso schlicht wie selbstreferenziell Tocotronic betitelten Album der Wille zur Vagheit, gepaart mit dem Wunsch nach Öffnung. Und wo einmal unumschränkt die Gitarre regierte, knuspert und fiept es jetzt digital aus dem Hintergrund.

Man kann hören, wie hart gearbeitet wurde für ausgetüftelte, ansprechende Visionen von auditiver Eleganz. Wie, das Know-how von Produzent Tobias Levin im Rücken, übergroße Vorbilder (Bowie!) ins Auge gefasst wurden und Klangdateien angetriggert, von hysterischem Glamourpop bis Krautrock. Selbst die Soundscapes eines Brian Eno konnten ahnungsweise generiert werden, was allen Beteiligten viel Geduld abverlangte - auch im bestausgerüsteten Studio "drückt man ja nicht einfach die Brian-Eno-Taste" (von Lowtzow). Wer allerdings glaubt, die Steigerung von Spielvermögen und Artistik sei alles, versteht hier nichts.

Im tocotronischen Workshop wird Musik gemacht, mehr aber noch geredet. Das interessante Detail zählt, mehr aber noch die Haltung, mit der es verwendet wird. Was vor dem Dreiergremium der Band, zu dem neben Dirk von Lowtzow Jan Müller am Bass und Schlagzeuger Arne Zank gehören, nicht als amtliches Sound-Design durchgeht, wird verworfen, liegen gelassen, wiederentdeckt, um es, nach erneuter Prüfung, vielleicht doch noch in die Endauswahl zu schaffen. Einfluss haben darüber hinaus befreundete Musiker und Mitbohemiens, denen man nachts auf der Piste begegnet, sowie Bücher, die man in der Zeit liest, die dann noch bleibt. Tocotronic-Pop, heißt das, ist Pop aus Ideen, er entspringt einem endlosen, kollektiven Selbstgespräch.

Bauchbetont weiter diskutieren

Ganz neu in der Bandhistorie ist diese Hingabe ans Diskursive nicht. Die besten tocotronischen Songpoeme hatten schon immer etwas von Privatwitzen, aus der engeren Zirkulation des Hamburger Subs in die Welt hinausgeschossen, wo sie zu Spruchweisheiten verglühten: "Die Idee ist gut, aber die Welt noch nicht bereit", "Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst", "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" - schön behauener Art-Punk, geboren aus der Wut, zu spät gekommen zu sein für die Revolte, bauchbetont, aber auch anschlussfähig, was das Weiterdiskutieren in Freundeszirkeln anbelangt.

Auf Tocotronic nun lässt sich nachhören, dass Dirk von Lowtzow inzwischen mit veritablen Kunstsachverständigen ausgeht, dass er Spätvorstellungen im Kino besucht hat und Buchhandlungen seines Vertrauens. So viel Querverweis war nie. Fragmente französischer Intensitätsphilosophien ragen in den Textfluss hinein. Filmszenen werden zu Metaphern. Der ausschweifende Konsum von Fantasy-Literatur ist erahnbar. Selbst Empire, das neokommunistische Kultbuch des jungen Jahrzehnts von Negri/Hardt, hat bereits seine Spuren hinterlassen. In Gestalt eines dunklen "Imperiums" geistert es Star Wars -artig durch die Zeilen, eckt mit dem Versmaß an, bevor dann doch wieder eine Alltagswendung aus dem inneren Zirkel das letzte Wort behält: "Volle Gönnung".