Gerne hüllt sich Matinicus im Sommer in Nebel, was daran liegt, dass hier die kalten Wassermassen des Atlantiks mit den warmen Winden vom Kontinent zusammenstoßen. Der Vorteil für beide Besucher läge darin, dass sie einander nur auf eine Entfernung von fünf Metern sehen könnten, einander also näher kommen müssten - und zugleich dem Blick Neugieriger entzogen wären. Erst wenn die Sonne im Zenit steht, weitet sich der Blick, und man sieht - die pure Einsamkeit.

Vor den Roten wären sie sicher. Das letzte Mal suchten Indianer Matinicus vor mehr als 200 Jahren nach tagelanger Kanufahrt heim. Allerdings brachten sie alle Einwohner (genauer, eine fünfköpfige Einwandererfamilie) im Streit um die Muschelbänke um. Seitdem wurden sie nicht mehr gesehen. Guido Westerwelle könnte in Gesprächspausen die Marktwirtschaft der amerikanischen Insulaner gleichsam mikroökonomisch studieren. Etwa 20 muskulöse Hummerfischer (ein durchaus lebensgefährlicher Beruf) verdienen, so munkelt man auf dem neidischen Festland, bis zu 300 000 Dollar jährlich, die sie im Winter dann in Las Vegas verspielen. Was sie aber nicht zugeben.

Hummer war einmal das Essen der armen Leute von Maine; weil sie sich schämten, gingen sie nur nachts, den Blicken der Nachbarn entzogen, auf Beutezug. Heute fahren sie Boote mit 800 Pferdestärken. Es sind schweigsame Seefahrer. Ihre Kinder spielen an den zwei Sandstränden von Matinicus im Wasser (12 bis 16 Grad Celsius im Juli). Einige sollen Schwimmhäute zwischen den Fingern tragen, aber das ist eine Übertreibung. Es ist ein ferner Ort, wahrscheinlich einer der stillsten in Amerika, wäre da nicht der Wind, der ohne Unterlass pfeift und heult. Manchmal schwimmen Wale majestätisch vorbei, gleich älteren Ehrenmitgliedern der maritimen Fauna. Auch die intriganten Haifische werden bisweilen gesichtet. Über dem kleinen Fichtenbestand kreisen Seefalken. Darum verbietet sich hier eine riskante Fallschirmlandung. Am besten ist die Insel von der Stadt Camden aus mit einem Postflugzeug zu erreichen.

Für Jürgen Möllemann wäre Matinicus eine neue Erfahrung. Denn er wäre neben Guido Westerwelle der einzige Ausländer. Kein Araber weit und breit, ein Leben in wahrer Minderheit, ohne Presse - Natur in ihrer gottgewollten Ursprünglichkeit. Den Möwen und den raren, bunten Papageitauchern auf dem vorgelagerten Matinicus Rock könnte er seine 18-Punkte-Strategie erklären. Und kämen beide Politiker dann versöhnt nach dem 22. September zurück, hätten sie einen der schönsten Flecken auf Gottes Erde gesehen, überhaupt nicht zu vergleichen mit einem Parteitag oder einem Talkshow-Studio. Vielleicht blieben sie ja auch für immer dort, wo die Brandung die große Macht ist, die sich dem Zugriff der Ehrgeizigen entzieht. Sie wären geheilt, und die Bundestagswahl wäre vorüber.