Etwas mit Selbstfindung sollte es schon sein, etwas Außergewöhnliches, zu Joseph Fischer passt nur Außergewöhnliches. Plötzlich kommt ihm die Idee: Sinai! Der Berg Moses! Katharinenkloster! Der brennende Busch! Bruder Johannes, der Rau, der fährt da auch immer hin. Und der ist Bundespräsident. Und überhaupt, die Zehn Gebote, die braucht er, das Wahlvolk ist unsicher, verwirrt, tanzt um die goldene Mitte; er braucht neue Slogans, etwas mit Donnerhall, damit es im September heißt, der heilige Joseph führt seine grüne Partei sicher über die Fünfprozenthürde in die neue gelobte Legislaturperiode. Auf also, hin zu jahrtausendealtem Klostergemäuer, hin zu 45 Grad im Schatten, puh, da sollte es ein schönes Plätzchen sein, im Souterrain, ohne Dusche, ganz natürlich. Drei Wochen faulenzen, den Geist reinigen, das zerknitterte Gesicht entzerren. Entgnatzen sozusagen. Und enthaltsam leben! Ein Scheibchen Birne am Tag, ein paar Tröpfelchen Akazienhonig, zwei Flaschen Wasser pro Stunde. Dazu ließen sich wunderbar die Pressefuzzis einladen, können sie sich hinterher wieder beschweren, dass es nichts zu essen gab, außer Apfel. Und wenn sie weg sind, schön die Sau rauslassen, aber hallo, Mönchsparty, Exerzitien und so, Chorälesingen, Gott lobpreisen, obwohl der ja tot ist, dazu darf's dann auch mal ein Fitzelchen Käse sein. Zu Mitternacht sollte er aber den Mitmönchen auf die Schulter klopfen, so, ihr Lieben, besser ihr geht jetzt, ist schon spät, damit ich meine Ruhe, Ruhe, Ruhe kriege. Schließlich muss er nachts um drei aufstehen, auf den Berg Moses klettern, 2500 Stufen den ältesten Steinpfad der Welt nach oben, gemächlich, ein Mann, ein Wort im Kopf, das Lieblingswort, seit Madeleine Albright ihm die Hand tätschelte: Implementierung! Kein Satz bei Joseph Fischer ohne Implementierung. Ein schönes Wort, gerade beim Treppensteigen, pro Schritt eine Silbe. Vortrefflich ließe sich dabei ein neuer Friedensplan für Israel ausdenken oder eine neue wortgewandte Varianz von Krieg-muss-leider-sein-denn-es-geht-nicht-anders-wegen-der-uneingeschränkten-Solidarität-ihr-versteht-schon-liebe-Freunde. Ja ja, in 2000 Meter Höhe ist die Luft dünn und der Kopf frei.

Eine glatte, leere Landschaft liegt vor ihm, nichts als Gestein weit und breit und Gestrüpp. Doch keine Gebote erreichen ihn, keine Hilfe, denn Gott schweigt. Im Westen leuchtet der Himmel dunkelblau, im Osten steigt die Sonne blutrot auf. Quatsch und Blödsinn, denkt er noch, was soll's: Ich will jetzt endlich wieder trinken, ein Glas Petrus, teurer Bordeaux, die Flasche für 500 Euro. Das wär eine Freude. So käme er vom Berg Moses herunter, der heilige Joseph Joschka. Ein normaler Mensch, Wein im Sinn.