In Zeiten nahender Herausforderungen, in denen es um so Fundamentales geht wie Kanzlersein oder Nichtkanzlersein, tut ein kurzer Rückzug gut. Runterkommen, sich erden, durchatmen. Der Kluge wählt als Urlaubsort das haarzausende Eiland oder die stille Wüstenei. Den Weisen aber zieht es in die Walachei. Hier, in Südrumäniens touristischem Unland, im Umland von Bukarest, winkt Freiheit dem Geist. Wer in der Walachei nicht aufallerletzte Fragen stößt und erste Antworten, dem hilft auch kein Wahlhelfer mehr.

Ein wenig erinnert sie an Niedersachsen, die Landschaft nördlich der Donau. Die Erhabenheit des Flachen. Ihre an Fatalismus grenzende Ergebenheit. Zwischen Sonnenblumenäckern verbergen sich runzelige, in ihrer Selbstvergessenheit schon wieder malerische Dörfchen, deren Straßen von Schweinen, Gänsen, Rindern und Hunden belebt sind. Von Pferdefuhrwerken und Lausbuben. Ein 30 Jahre alter Rumänen-Renault, ein Dacia, hoppelt mit quietschender Federung durch die Schlaglochtäler. Am Steuer, nicht einmal seine Mutter hätte ihn erkannt: der Kanzler. Kein Chauffeur. Kein Maßanzug, stattdessen ein abgewetzter, bonbonblauer Trainingsanzug. Keine Hand frei fürs Handy: Eine steuert, eine wirft funkelnde Geldstücke unter die Scharen von Dorfkindern, die dem Auto hinterherlaufen. Euro? Teuro? Hier, wo der Lehrer von 50 Euro im Monat lebt, meckern nur Ziegen.

Ploiesti, eine ernst zu nehmende Stadt im Norden von Bukarest. 44 Grad Celsius. Im Schlagschatten petrochemischer Werke und plattenbauarchitektonischer Monstrositäten lässt es sich aushalten. Am Rande eines Maisfeldes lagert Gerhard Schröder, den Kopf auf einen alten Armeeschlafsack gebettet. Menschliches Schaffen und Raffen - was bleibt davon außer Qualm und bröselndem Beton? Eine Alte mit einer gewaltigen Kiepe kommt des Wegs, entdeckt den Ermatteten und steuert auf ihn zu. Sie reicht ihm eine Tomate und eine Gurke. Was wird einem daheim im politischen Alltag geschenkt?, denkt der Kanzler. Leise lächelnd zieht er eine Autogrammkarte aus der Tasche. Einen winzigen Moment lang malt er sich aus, wie die Alte sein Bildnis hinter Glas kleben und an ihre Ikonenwand hängen würde. Dann kehrt die Bescheidenheit zurück. Und die heilende Leere.

Heilende Leere auch in Magen und Gedärm. Nein, dieses Mannes Sache ist die hiesige Küche nicht, die von dünnen Suppen lebt und Polenta und Tierinnereien und panierten Käselappen. Kein Italiener weit und breit. Der Kanzler, hungrig, aber auch erfahrungshungrig, sitzt in einem uralten, roten Boot. Ein zahnloser Alter rudert ihn über einen See bei Snagov unweit der Hauptstadt. Das Ziel ist eine kleine Insel, Beisetzungs- und Gedenkstätte für Vlad Tepes Dracul. Vlad »der Pfähler« ist das historische Vorbild für Bram Stokers Dracula, in Wahrheit aber war er kein Vampir, sondern lediglich ein äußerst grausamer Herrscher der Walachei, der zur Absicherung seiner Macht Hunderte, wenn nicht Tausende pfählen ließ. Vlad starb ebenfalls nicht im Bett. Sein Kopf, in Honig eingelegt, wurde dem osmanischen Sultan dargeboten.

Wie er da steht, auf einer Insel in einem Seelein inmitten der Walachei, inmitten dieses zernarbten und zermürbten Landes, in dem die Nachbarvölker so lange herumregierten und herumplünderten, bis die Einheimischen nicht mehr wussten, wie man einen Staat macht, denkt Gerhard Schröder über Macht nach. Plötzlich muss er lachen: Was, wenn sein Kopf schon in Honig läge und niemand ihn wollte? Wie gut, dass er lachen kann über diese Frage! Ja, er ist bereits prima erholt.

Abends sitzt er bei Bauersleuten in der Küche. Man trinkt Tsuika, diesen stets und maßlos genossenen rumänischen Pflaumenschnaps, und versteht sich immer besser. »Soziale Wärme, ja«, formuliert der Kanzler zwischen zwei Schnäpsen und umarmt seinen Gastgeber, »Leute, da haben wir bei uns ein Defizit.« Der betrunkene Bauer küsst seinen Gast und gießt noch einen Tsuika ein. Ohne zu kleckern. »Siehste, sag ich ja immer: die ruhige Hand!«, murmelt der Kanzler noch, als sein Kopf auf die Tischplatte sinkt. In dieser Nacht schläft er zum ersten Mal seit vier Jahren wieder traumlos.