DIE ZEIT: Wann kann ein Politiker für sich beanspruchen, Wirtschaftskompetenz zu besitzen?

Horst Siebert: Ein Politiker ist nur dann kompetent, wenn er auch die langfristigen Folgen seines Tuns berücksichtigt. Das findet häufig nicht statt. Für die Politik gibt es einen Konflikt zwischen kurzfristigem Handeln und langfristigen Effekten. Die Politiker, die hier den Baukonzern Holzmann, dort die Maxhütte retten wollen, laufen Gefahr, heute so und morgen anders zu entscheiden. Dabei geht die notwendige klare Linie verloren.

ZEIT: Aber das Publikum, der Wähler, klatscht bei solchen Rettungsversuchen Beifall.

Siebert: Das Wort Winston Churchills "Der Politiker sieht auf die nächste Wahl, der Staatsmann denkt an die nächste Generation" gilt auch für die Wirtschaftspolitik. Für ein Land, das sich revitalisieren will, bedeutet das: Der Politiker muss für Mechanismen sorgen, die nicht den Status quo zementieren, sondern erlauben, dass sich das Neue von unten entwickeln kann. Nur so entstehen Innovation und wirtschaftliche Dynamik.

ZEIT: Gehört zur Wirtschaftskompetenz eines Politikers auch eine ökonomische Grundausbildung?

Siebert: Wegen der komplexen ökonomischen Wechselwirkungen wäre das wünschenswert. In der Ökonomie ist es wie in der Ökologie: Man greift an einer Stelle ein, und nach fünf oder zehn Jahren tritt an anderer Stelle eine unerwartete Folgewirkung auf. So reagieren Unternehmen langfristig auf den Kündigungsschutz, indem sie weniger Leute einstellen.

ZEIT: Ist es weise für einen Politiker, den Wählern zu sagen, was er alles nicht leisten kann?