Preisfrage: Von welchem Spitzenpolitiker stammen die Worte "Wir werden Deutschland entschlossen modernisieren" und "Standort, das kann auch ,Stillstand-Ort' sein. Wir machen dieses Land wieder zu einem Bewegungs-Ort"? Das klingt nach Edmund Stoiber, dem Kanzlerkandidaten der Union. Aber es war Gerhard Schröder 1998.

Die Ähnlichkeit zwischen den Formulierungen Schröders und Stoibers ("Unsere Botschaft muss sein: Wir können etwas bewegen") ist kein Zufall. In dem Kalkül, dann einen ähnlichen Sieg einfahren zu können, hält sich der Herausforderer an dasselbe Drehbuch wie der damalige Wahlgewinner. Im Deutschland hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Wachstums will er dort sein Können beweisen, wo es sich am meisten lohnt: in der Wirtschaft.

Wahlkämpfer und Demoskopen sind sich einig: Die ökonomische Kompetenz entscheidet die Bundestagswahl. Wen die Bürger eher für fähig halten, die deutsche Wirtschaft wieder flottzubekommen und die Massenarbeitslosigkeit spürbar zu senken, der hat die beste Chance, die Regierung zu stellen. Je näher die Wahlen rücken, so Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen, desto wichtiger wird die Wirtschaftskompetenz für die Entscheidung der Bürger. Derzeit hat der CSU-Spitzenmann die Nase vorn. Nach dem jüngsten, von der Forschungsgruppe vor zwei Wochen veröffentlichten Politbarometer trauen 32 Prozent Stoiber und nur 15 Prozent Schröder zu, die wirtschaftlichen Probleme lösen zu können. Allerdings: Deutlich mehr Wähler - 43 Prozent - sehen zwischen Herausforderer und Regierungschef in dieser Hinsicht keinen Unterschied.

Was aber ist eigentlich Wirtschaftskompetenz? Welche Voraussetzungen müssen Politiker und Parteien erfüllen, damit die Wähler ihnen vernünftige Entscheidungen zutrauen? Zählt nicht einfach das Ergebnis: gute Konjunkturlage - hohe Kompetenzwerte für die Regierung, schlechte Konjunkturlage - niedrige Werte?

Die Demoskopen sind sich gar nicht so sicher, ob sich ein wirtschaftlicher Aufschwung für die Regierung in Wählerstimmen auszahlt. Für Meinungsforscher Jung von der Forschungsgruppe Wahlen sind die Hoffnungen, welche die SPD an den Aufschwung knüpft, "ein bisschen zu optimistisch". Nach seinen Erfahrungen ist es "überhaupt nicht der Fall", dass der Wähler konjunkturelle Verbesserungen der Regierung gutschreibt. Dagegen ist Richard Hilmer von Infratest dimap überzeugt, dass eine Erholung "mit Sicherheit die Chancen der Sozialdemokraten verbessert". Klar ist allerdings, dass die Bürger ihrem Kanzler die Wirtschaftsflaute übel nehmen. Deswegen auch Schröders Rückstand in der Bewertung der Wirtschaftskompetenz.

Das konjunkturelle Auf und Ab jedoch kann eine Regierung schwer beeinflussen. Für Wissenschaftler wie den Ökonomen Horst Siebert zeigt sich Wirtschaftskompetenz deshalb weniger an kurzfristigen Kennzahlen als an der Einsicht in "die sehr komplexen wirtschaftlichen Zusammenhänge und Wechselwirkungen" (siehe Interview Seite 18). Keine Frage: Ohne Grundkenntnisse der Nationalökonomie kann davon kaum die Rede sein. Politiker, die mit Gesetzen und Verordnungen in den Wirtschaftsablauf eingreifen, müssen den volkswirtschaftlichen Kreislauf im Blick haben: die Wirkung auf Unternehmen, Verbraucher, Sozialsysteme, Wettbewerb und andere Länder. Der Regierungschef muss das nicht alles selbst beherrschen - wie das für Ludwig Erhard oder auch Helmut Schmidt galt. Er braucht dann aber die richtigen Minister und Berater.

Jedenfalls theoretisch. In der Praxis wird ein Politiker meist andere Entscheidungen treffen als ein Wissenschaftler - selbst wenn er ähnlich viel von der Materie vesteht. Denn anders als die Professoren, die keine politische Rücksichtnahme zu üben haben, sind Politiker nun einmal auf Wähler und Parteifreunde angewiesen. Deshalb müssen sie beispielsweise, wie der Düsseldorfer Wirtschaftsminister Ernst Schwanhold (SPD) sagt, ein "Gespür für Themen haben, die für eine Mehrheit der Menschen wichtig sind, und glaubwürdig handeln". Und deswegen müssen sie über "Charakter, Dynamik, Durchsetzungsfähigkeit, Konfliktbereitschaft, Leidenschaft verfügen und auch Ranküne durchstehen", wie Ludolf von Wartenberg, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), aus seiner Zeit als CDU-Wirtschafts- und Finanzpolitiker weiß.