Anschluss verpasst
Frappierende logische Fehler ziehen sich selbst durch die größten und teuersten Kinofilme. Auch Spider-Man ist infiziert. Eine Pannensuche
Diese verdammte Lampe! Ja, die ist ihm auch aufgefallen. Sam Raimi wirkt etwas zerknirscht. Als Regisseur muss er das sein. Denn in Spider-Man, dem gerade angelaufenen neuesten Erfolgssuperlativ aus Hollywood, tut diese Lampe etwas, das Raimi lieber nicht auf der Leinwand gesehen hätte: Sie repariert sich selbst. In einer Szene am Anfang des Films entdeckt Hauptfigur Richard Parker seine Spinnenfähigkeiten. Er wirft einen klebrigen Faden durch sein Zimmer, der an einer Lampe hängen bleibt. Der Faden schnellt zurück, die Lampe fliegt quer durch den Raum und zerschellt an der Wand. Dann klopft es, Richards Tante guckt zur Tür herein. Und neben der Tür, auf einem Sideboard, steht sie wieder, die Lampe - unbeschadet.
Ein Anschlussfehler. Raimi könnte vielleicht darüber schmunzeln. Das versucht er auch, es gelingt ihm aber nicht wirklich. Lieber zündet er sich gleich die nächste Zigarette an. Immerhin: Er tut das nur einmal und nicht mehrfach wie Humphrey Bogart in Casablanca. Schließlich führen wir dieses Gespräch in der Realität und nicht im Kino, wo das Leben häufig eben nicht perfekter ist als die Wirklichkeit.
Ein Anschlussfehler - der ist passiert, wenn sich ohne erklärbaren Grund zwischen zwei Einstellungen etwas im Bild verändert. Gegenstände verschwinden oder tauchen unvermittelt auf, Kleidungsstücke, Wetter und Lichtverhältnisse wechseln. Wie kommt es dazu? In den seltensten Fällen wird ein Film in der Reihenfolge seiner Szenen gedreht. Schließlich muss man die Terminkalender der Schauspieler und das Budget unter einen Hut bekommen. Zwischen zwei Einstellungen im Film vergehen ein paar Sekunden, in der Realität können es Monate sein. Oder es werden, wie bei Herr der Ringe, drei Teile gleichzeitig gedreht.
Manchmal entsteht auch der Film im Schneideraum noch einmal neu, wird radikal gekürzt oder umgeschnitten. Wenn die berüchtigten Testvorführungen bei einer Hollywoodproduktion ergeben, zwischen Minute 15 und Minute 36 langweilten sich die Zuschauer, kennt der Produzent keine Gnade. Wer hätte vier Stunden Pretty Woman ertragen? Die dramaturgische Schlüssigkeit hat manchmal ihren Preis: In Vom Winde verweht steht plötzlich eine elektrische Straßenlaterne.
Oder in Ben Hur trägt jemand eine Armbanduhr. Es gilt die These: kein Film ohne Fehler.
Shit happens, sagen die Filmemacher - und auch die Zuschauer. Den wirtschaftlichen Erfolg haben Anschlussfehler bislang nicht beeinflusst. Aber Spider-Man hat in den USA nicht nur Kassenrekorde gebrochen und bereits am ersten Wochenende 114 Millionen Dollar eingespielt. Er hat auch besonders aufmerksame Zuschauer gefunden. Sie entdeckten zerbrochene Fensterscheiben, die sich wieder zusammensetzen, Einschusslöcher oder Kleidungsstücke, die von Geisterhand verschwinden. Bislang 123 Fehler.
Veröffentlicht werden sie in einem Forum, das Filmemacher fürchten müssten wie die heilige Inquisition: die Internet-Seite movie-mistakes.com. Auf deren ewiger Bestenliste steht Spider-Man bereits auf Platz drei, übertroffen nur von Titanic (135 Fehler) und The Matrix (147 Fehler). Oh, mein Gott, diesen Rekord soll mein Film nicht brechen!, sagt Sam Raimi. Ich hoffe, die Leute sehen ihn, bevor sie auf die Netzseite schauen. Die Chancen dafür schwinden, schließlich stammen die meisten Meldungen schon vom Eröffnungswochenende.
- Datum 13.06.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25/2002
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