Die Geister, die sie rufen
Im tschechischen Wahlkampf schürt eine große Koalition von Populisten Europafeindlichkeit und Angst vor den Deutschen
Prag
Mitten in Prag, am alten Heuwaageplatz Nummer sechs, hockt ein Mann in einem winzigen Bürozimmer und sieht schwarz. Ab und an klingelt es an der Tür. Dann holt der Mann ein buntes Plakat aus dem Schrank, signiert das Werk und reicht es über die Schwelle. Sein Amtssitz ist zu klein, um die Bittsteller hereinzulassen.
Das Plakat zeigt ein Schloss, mehr Südfrankreich als Kafka. Vor dem Schloss stehen zwei glückliche Nadelstreifenträger Arm in Arm auf grünem Rasen. Der eine ist kein Geringerer als Jean-Marie Le Pen, der andere ist der Schwarzseher aus dem engen Prager Zimmer. Er heißt Miroslav Sládek und führt die tschechischen Republikaner an. Auf dem Plakat strahlt er noch. Alles lief gut. Dem großen Le Pen durfte er den Arm auf die Schulter legen, und seine kleine Tochter benannte er nach nach Silvio Berlusconis Tochter Laura. Rundum wohl fühlte er sich in der Europaliga der Populisten. Im tschechischen Parlament griff sein Team permanent über den rechten Flügel an. Insgesamt konnte Sládek dort die magische Zahl von 18 Populisten zum Einsatz bringen.
Doch jetzt stehen Miroslav und seine Mannen vor dem Ausscheiden. Für die Parlamentswahlen am Freitag und Sonnabend dieser Woche sagen ihm die Auguren noch zwei bis vier Prozent voraus. Und deshalb sieht der Republikaner nicht nur schwarz, sondern auch noch rot. Er ist bestohlen worden, sagt er. Und so Unrecht hat er damit nicht.
Denn die Tschechische Republik ist das erste Land Europas, das seit Beginn des Jahres den Allparteien-Populismus praktiziert. Genauer genommen ist es Nationalismus, befreit von fast allem Sozialklimbim, der herkömmliche Populisten noch behindert. Im Prag der schwarzen Legenden, wo einst der Rabbi Löw mithilfe einer Zauberformel den dumpfen, lehmgeformten Golem durch die Gassen stapfen ließ, heißt derzeit das wunderliche Rezept fast aller Wahlkämpfer:
Das böse Europa möchte die Tschechen den Sudetendeutschen wieder zum Fraß vorwerfen. Aber wir werden euch und die heilige Nachkriegsordnung retten.
Die plumpe Golem-Parade
- Datum 13.06.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25/2002
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