Gottes geheimes Werk
Der Mathematiker Paul Erdös glaubte, Gott habe die elegantesten Beweise der Mathematik in ein Buch geschrieben. Doch er verweigere den Menschen die Einsicht. Zwei Berliner Professoren haben das Werk rekonstruiert
Die Werke des Mathematikers, so forderte der Engländer Godfrey H. Hardy Anfang des 20. Jahrhunderts, müssten "schön sein wie die des Malers oder Dichters". Schönheit sei die erste Prüfung: "Es gibt keinen Platz in der Welt für hässliche Mathematik."
Doch was ist schön? Selbst Albrecht Dürer gestand freimütig: "Was das ist, weiß ich nicht, wiewohl sie vielen Dingen anhängt." Kein Wunder also, dass es auch Günter Ziegler nicht gelingt, den Begriff eindeutig zu bestimmen. "Da spielen viele Sachen zusammen", sagt der Berliner Mathematiker. "Elegant" nenne man einen Beweis zum Beispiel dann, wenn er kurz und knapp sei und möglichst ein Überraschungsmoment enthalte. Anders ausgedrückt: Ihn zu studieren sollte mehr Freude als Mühe bereiten.
Genau dieses Vergnügen will Ziegler zusammen mit seinem Kollegen Martin Aigner allen zuteil werden lassen: In ihrem Werk Proofs from THE BOOK haben sie vor vier Jahren die schönsten mathematischen Beweise zusammengestellt.
Nun erscheint Das BUCH der Beweise erstmals auf Deutsch (Springer-Verlag, 29,95 e) und soll damit auch Lesern, die des Englischen unkundig sind, die Freude an der mathematischen Eleganz eröffnen.
Die Idee zu dem ungewöhnlichen Buchprojekt kam Aigner nach Gesprächen mit dem vagabundierenden Mathematiker Paul Erdös. Erdös verbrachte fast 60 Jahre seines Lebens damit, durch die Welt zu reisen, Kollegen zu besuchen und mit ihnen neue Theoreme aufzustellen. Mit knapp 500 Mathematikern hat der gebürtige Ungar gemeinsame Arbeiten geschrieben. Ein Rekord, der kaum zu überbieten sein wird. Mit sich führte Erdös nur einen Koffer mit ein paar Kleidungsstücken und eine Einkaufstasche voller Manuskripte. "Mein Geist ist offen", pflegte er zur Begrüßung zu sagen, was so viel bedeutete wie: "Ich bin bereit für neue mathematische Abenteuer."
Ohne viel Zeit mit überflüssigen Höflichkeitsfloskeln zu verplempern, sprach er häufig bereits im zweiten Satz ein mathematisches Problem an. Dabei war es sein höchstes Ziel, elegante Beweise zu finden. Seine fantastische Theorie: Die perfektesten Beispiele dafür würden von Gott in einem besonderen Buch aufbewahrt, eben dem BUCH. Allerdings sei der Herr, an den Erdös im Übrigen nicht glaubte, der SF, der supreme fascist (oberste Faschist). Er habe die Menschen nur erschaffen, um sich an ihrem Leiden zu erfreuen. Eine seiner Grausamkeiten sei es, ihnen das BUCH vorzuenthalten. So müssten Mathematiker ihre geballte Intelligenz und Intuition anstrengen, um ab und zu einmal einen kleinen Blick hineinwerfen zu dürfen.
So genial sich Erdös in seiner Profession zeigte, so unbeleckt war er in weltlichen Dingen. Zeit seines Lebens lernte der Junggeselle nicht einmal, die einfachsten Arbeiten im Haushalt zu verrichten. "Ich könnte wahrscheinlich ein Ei kochen, aber ich habe es nie probiert", gab er einmal zu. Das hätte ihn nur Zeit gekostet, in der er lieber neue Theoreme suchte, um sie anschließend elegant zu beweisen - und so einen kurzen Blick in Gottes BUCH zu erhaschen.
- Datum 13.06.2002 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 25/2002
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren