Schwerin/Rostock

Steine fliegen, Benzinflaschen werden auf ein Wohnhaus geworfen. Man sieht, wie die Flammen aus den Fenstern des vietnamesischen Wohnheims schlagen, hört, wie es knistert und kracht, wie die Scheiben klirren. Johlen, Brüllen, Schreien. Volksfeststimmung in Rostock-Lichtenhagen am 24. August 1992. Das erste Pogrom in Deutschland nach Kriegsende, zweieinhalb Jahre nach der Wiedervereinigung.

Es war "ein Riesenabenteuer", sagt Ronny S. zehn Jahre später vor Gericht.

"Aber was da passiert ist, darüber waren wir uns nicht im Klaren. Ich war Teil der Meute, die Menschen Todesangst eingejagt hat." Sein Verteidiger nickt. Ronny S., 27, wird wie der mitangeklagte André B. an jedem Verhandlungstag mit Handschellen an einen Vollzugsbeamten gefesselt in den Saal 122 des Schweriner Landgerichts geführt. In Haft sind sie wegen anderer Delikte, lange nach Lichtenhagen verübt. Einzig der dritte Angeklagte, Enrico P., ist auf freiem Fuß. Er entschuldigt sich dafür, dass er damals mit seinen rechten Schweriner Kumpanen nach Lichtenhagen gefahren ist. Molotowcocktails habe er jedoch nicht geworfen. Und beklagt sich in seinem letzten Wort, dass keiner wahrnähme, dass er sich geändert habe. Lebensgefährtin und Kinder müssten stets den Hinterausgang des Hauses nehmen, weil er von Journalisten belagert werde, die ihn noch immer für einen "Haupttäter" von Lichtenhagen hielten.

Auf der anderen Seite des Gerichtssaals sitzen der ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter Nguyen Do Thinh und der Rostocker Ausländerbeauftragte Dr.

Wolfgang Richter. Sie treten als Nebenkläger in dem Prozess auf. Horst Heydorn, der Vorsitzende Richter, wollte die Nebenklage zunächst gar nicht zulassen. Erst als der Anwalt ihm eine Videokassette schickte, war er bereit, das "berechtigte Interesse" der beiden Nebenkläger anzuerkennen. Damals, 1992, gingen die Bilder von Lichtenhagen um die Welt. 150 Vietnamesen und ein paar Deutsche, darunter ein ZDF-Team, waren über Stunden in dem angezündeten Wohnheim in der Mecklenburger Allee eingeschlossen. Die Polizei, mit viel zu wenig Einsatzkräften am Ort, zog sich nach einem Steinhagel der Randalierer zurück. Die Feuerwehr, die trotz dringender Bitten keinen Polizeischutz erhielt, musste abziehen. 150 Menschen waren dem Mob, dem Rauch und den Flammen hilflos ausgeliefert. Die Fernsehbilder zeigten die Gesichter von Thinh und Richter, beide voller Todesangst.

Dass Ende 2001 tatsächlich noch ein Verfahren wegen Lichtenhagen eröffnet wurde, so viele Jahre später, erfuhr Wolfgang Richter zufällig aus der Zeitung. Die Täter, derer die Justiz habhaft werden konnte, Jugendliche allesamt, waren 1993/1994 in kurzen Prozessen ohne große Beweisaufnahme verurteilt worden, wegen Landfriedensbruchs und Brandstiftung (siehe Kasten).