Wenn er nicht so sehr teutonisch ausgesehen hätte mit seinem Westfalenschädel und dem starken Kinn, man hätte ihn für einen Feuer spuckenden Südländer halten können: Der 1890 in Siegen geborene Fritz Busch war der Belcantist, der Sizilianer unter den deutschen Kapellmeistern des frühen 20.

Jahrhunderts. Sein funkelndes Temperament, sein einzigartiges musikalisches Fingerspitzengefühl, sein Wissen, seine Intuition und sein Humor machten selbst aus eher hartleibigen Brocken des Repertoires wie Brahms' Tragischer Ouvertüre noch Jubelchöre der Sinnlichkeit. Busch feierte in Riga, Aachen und Stuttgart früh große Erfolge, wurde 1922 zum Generalmusikdirektor der Dresdner Semperoper bestellt, dirigierte 1924 mit Wagners Meistersinger die Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele nach dem Ersten Weltkrieg, gab noch 1933 sein Debüt in Salzburg, leitete die Uraufführungen von Strauss' Intermezzo und dessen Ägyptischer Helena und setzte sich für Komponisten wie Busoni, Hindemith und Othmar Schoeck ein.

Wiewohl kein Jude, sondern bloß unerbittlich in seinem Glauben an die Kunst, wurde Busch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten eilig aus sämtlichen Ämtern gedrängt und fand, wie man so schön sagt, in Buenos Aires, Kopenhagen, Glyndebourne sowie an der New Yorker Met eine neue künstlerische Heimat. Sein Mozart/da-Ponte-Zyklus in Glyndebourne Mitte der dreißiger Jahre, mit dem er die gesamte historische Aufführungspraxis vorauszudenken schien, ist Legende, ebenso sein Maskenball mit dem Orchester des Westdeutschen Rundfunks von 1951 (überhaupt war es ja Busch, der Verdi für die deutsche Opernbühne wieder entdeckte!). Eine Weltkarriere, ein Nachkriegsversprechen, das mit Buschs überraschendem Tod 1951 in London sein jähes Ende fand.

Nun vermag die technische Qualität jener Liveaufnahmen von 1947 bis 1950 mit dem Dänischen Radiosymphonieorchester, die die EMI in ihrer Reihe Great Conductors of the 20th Century auf zwei CDs versammelt (EMI 5 75103), kaum zu entzücken. Auch wundert man sich wohl über die Zusammenstellung dieser Schellackumschnitte: Von Beethovens Leonore II über Mozarts Linzer Symphonie bis zu Webers Freischütz-Ouvertüre und Brahms' Zweiter wird Fritz Busch hier als ein typischer Vertreter des klassischen Repertoires gefeiert. Dies mag so stimmen oder nicht, die musikalische Anschauung, die einem in diesen oftmals rauschenden, rumpelnden Mitschnitten entgegentritt ist außerordentlich aufregend. Man staunt, wie spaßig und leicht ein damals nahezu unbekannter Haydn genommen wird (Sinfonia concertante) oder zu welchen warmen Klangdüsternissen, zu welch deutschem Waldweben ein dänisches Orchester fähig ist. Im ersten Satz, Allegro vivace, von Mendelssohns Italienischer Symphonie aber leuchtet es zweifellos am schönsten, das besagte Licht des Südens, Buschs unbändige, schier überschwappende, immer vorwärts drängende Freude an der Musik. Musizieren als Überlebensstrategie.