Wie ein Pubertierender spürt da einer die Frühlingshormone im Kreislauf fluten und haut entzückt junges Gemüse in die Pfanne. Aber wir wollen das jetzt während der Fußball-WM weder tiefenpsychologisch noch sprachphilosophisch interpretieren. Wir folgen einfach etwas verspätet (das Heft ist vor Wochen erschienen) seinen Kräutertipps, verschieben allerdings die empfohlenen Focaccia, Nudeln, Elsässer Fleischtorte und Lammsattel mit Olivenkruste aufs nächste Frühjahr.

Stattdessen fliegen wir, um den Sommer zu feiern, mit des Meisters Empfehlungen kulinarisch nach Osten. Zu den wahren Kräuterfreaks unter der Sonne. Zu den Orientalen. In Sachen frisches Grün macht denen keiner etwas vor; da ist auch Klink ein Waisenknabe. Werden hierzulande ängstlich Prisen über Gerichte gebröselt, dann fährt im Vergleich dazu der Küchenmaestro des Orients mit Wagenladungen Grünzeug herbei und mischt Pfefferminze und Petersilie und Lauchzwiebeln büschelweise unter den Bulgur.

Gerade jetzt lohnt es sich, einen ganzen Nachmittag in der Küche zu verbringen, schnippelnd, knetend, häufelnd, pürierend, dämpfend, und abends den Gästen ein Dutzend Meze vors Gesicht zu stellen. Denn die Tradition der Meze, dieser vielen kleinen Gerichte, die man Häppchenweise auf den Teller lädt, ist vermutlich das entspannendste Kapitel, das uns der Vordere Orient zu lehren vermag. Es gibt uns Gelegenheit, dem Türken gleich, das Grünzeug tonnenweise zu vernichten.

Meze bedeutet in etwa »angenehmer Geschmack«. Vermutlich stammt das Wort aus dem persischen, wo maza »Geschmack« oder »Reiz« bedeutet. In der Türkei sagt man meze , in Syrien und Libanon mazza . Und worum es sich dabei handelt, ist gar nicht so einfach zu erklären. Meze sind meist Vorspeisen, auf kleinen Tellerchen servierte Häufelchen. Sie können aber genauso gut Beilagen, Wegzehrung, Vesper, Schlummerhäppchen oder Katerfrühstück sein. Oder Snacks zum Fussball-WM-Viertelfinale (wo die Türkei auf Senegal trifft, wenn sie nach Fabrikation dieser Kolumne erwartungsgemäß die Japaner nach Hause geschickt hat). Zu den Köstlichsten gehören bizarrste Kombinationen wie Zucchini und Apfel in Haselnuss-Knoblauch-Sauce, süßsaure Zwiebeln mit Tamarinde oder Karottenpüree mit Kümmel und Joghurt.

Am eindrucksvollsten aber sind die Kräuterhaufen, die da kleinsten Portionen untergejubelt werden. Beim Bulgursalat (sechs Portionen) kommen auf lediglich 225 Gramm Bulgur ein großer Bund Petersilie, ein Bund Minze und ein Bund Frühlingszwiebeln - und nicht mal das ist zuviel. In vier Portionen Joghurt-Gurken-Salat mit Walnüssen und Sultaninen stecken locker ein Bund Schnittlauch, ein halber Bund Dill, ein halber Minze. Entschließt man sich, noch ein Joghurt-Käse-Dip daneben zu stellen, fühlt man sich endgültig wie eine würziges Grünzeug kauende Ziege: ein Bund aus Basilikum, Minze, Petersilie und Dill pro hundert Gramm Joghurt.

Und wie ich da schneide und rüste und wasche und schnipple, noch ein Büschel, noch ein Kilo, bemerke ich, dass ich vor lauter Kraut und Fußball wieder mal völlig zu spät bin. Längst ist der neuste Häuptling da. Mit neuen Rezepten, passend zur WM. Ich komme ja schon.

Bis nach dem Spiel