So ganz umsonst war es offenbar doch nicht, dass der Kanzler in letzter Zeit seine Kontakte mit Schriftstellern und Intellektuellen intensiviert hat. Unter denen erfreut sich seit Jahren eine kulturphilosophische Theorie großer Beliebtheit, die die angeschlagene SPD jetzt in eine bewußte Wahlkampfpraxis umzusetzen versucht: Die Fußball-Nationalmannschaft spiegele den Gesamtzustand des Vaterlandes. Ihre Leistungskraft und ihr spielerischer Stil zeichneten die Signatur der jeweiligen gesellschaftlichen Epoche der Republik nach und repräsentierten somit indirekt auch die Kompetenz und den Herrschaftsstil der jeweiligen Regierung. 1954 zeigten die Malocher und Rasenwühler um Fritze Walter der Welt, dass wir wieder wer sind. Wie zu Hause Adenauer. Das Kreativteam der frühen siebziger Jahre drückte Reformfreude, Emanzipationswillen und Weltläufigkeit der sozialliberalen Koalition aus. 1990 krönte das Nationalteam mit dem Weltmeistertitel das Glück der Wiedervereinigung – es trat so selbstherrlich auf wie der voluminöse Kanzler der Einheit. Kongenial verkündete der Fußballkaiser Franz Beckenbauer: "Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber in den nächsten zehn Jahren sind wir unschlagbar".

Jetzt ist den Wahlkampfstrategen Schröders offenbar aufgefallen, wie trefflich sich das gegenwärtige Image von Rudi Völlers Restetruppe mit dem der Kanzlerpartei in Deckungsgleichheit bringen lässt. Dem überalterten Nationalkader, der sich auf qietschenden Felgen mit Ach und Krach durch die Qualifikation rettete und dabei demütigende Rückschläge wegstecken musste (1:5 gegen das perfide Albion), traute vor Beginn der WM niemand etwas zu. "Nun verliert mal schön", rief DIE ZEIT den fußlahmen Recken nach. Wie man sich doch täuschen kann. Die deutsche Mannschaft legte gleich mit einem furiosen 8:0-Sieg gegen die (fußballerisch) armen Saudis los und erreichte, nach einem kleinen Patzer gegen Irland, am Ende souverän das Achtelfinale - als Gruppenerster.

Die Torwart-Kampfmaschine Oliver Kahn hatte es schon vorher gewußt: "Wir strotzen vor Tatendrang. Über uns werden sich noch einige wundern", rief er den Kritikern entgegen. Passt das nicht exakt auf die Situation der SPD, beziehungsweise die rot-grüne Koalition? In den Umfragen im Keller, hatten schlaumeierische Kommentatoren die Ära Schröder schon für erledigt erklärt. Na, denen werden wirs aber zeigen, dachten die Sozialdemokraten und skandierten auf ihrem Wahlparteitag vor einigen Wochen trotzig den Fußballfan-Schlachtruf: "Jetzt geht's loooos, jetzt geht's loooos." Und siehe da, kaum siegt die deutsche Mannschaft, meldet die Demoskopie eine Trendwende: Die SPD schließt wieder auf, die CDU/CSU sinkt in der Wählergunst. Und, wie es in der Fußballersprache heißt: Erst hat die Union kein Glück, dann kommt auch noch Pech dazu. Gerade war der alte Schlamassel mit der Spendenaffäre vergessen, da entscheidet das Berliner Oberverwaltungsgericht, die CDU müsse, wie von Bundestagspräsident Thierse angeordnet, 21 Millionen Euro Strafzahlung für ihren fehlerhaften Rechenschaftsbericht über Parteispenden leisten. Das sind in etwa die gesamten Kosten des aktuellen Bundestagswahlkampfs der Christdemokraten. Das riecht nach Pleitegeier und weckt Assoziationen zum Kirch-Media-Fiasko – gefährdete Übertragungsrechte von der Fußball-WM inklusive. Mit solcher Elendsästhetik wird die Union beim fußballtrunkenen, siegeshungrigen deutschen Volk nicht punkten können.

Na, Gerhard, dann sieg mal schön. Erstmals macht sich eine amtierende Regierungspartei ganz gezielt und medienstrategisch geplant die moderne Mythologie des Massensports Fußball zunutze, um den eigenen Mythos der Wiederauferstehung zu inszenieren. Ein riskantes Unterfangen bleibt das freilich schon. Klar, wenn die Völler-Buben glanzvoll bis ins Halb- oder sogar ins Finale vordringen, wenn sie gar wider aller Erwarten den Titel holen sollten, dann ist die Rechnung aufgegangen. Dann stürzt die Nation in einen Glückstaumel, die subjektive Zufriedenheit steigt ins Unermessliche, und Schröder ist der Triumph nicht mehr zu nehmen. Was aber, wenn die Deutschen von Paraguay eingeseift werden?

Dann wird eine bittere Erinnerung wieder hoch kommen: Auch zum Auftakt von Scharpings Bundestagswahlkampagne 1994 hatten die SPD-Delegierten frenetisch "Jetzt geht’s loooos" gebrüllt. .

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