P I S A Wissen, wo's langgeht
Bayern und Baden-Württemberg triumphieren beim Schultest. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?
Das Triumphgeschrei im unionsregierten Süden der Republik ist groß - und die Appelle der SPD, diese Ergebnisse doch bitte nicht zum Wahlkampfthema zu machen, klingen kläglich. Doch eignen sich die Resultate des ersten Bundesländervergleiches deutscher Schulleistungen (Pisa-E) zur politischen Abrechnung? Besser wäre es, auf die erste Pisa-Irritation, die nach der Veröffentlichung der internationalen Resultate im vergangenen Dezember eine neue Bildungsdebatte auslöste, würde nun eine zweite Irritation folgen. Schließlich ist das Staunen der Anfang allen Lernens.
Aber schon die Lancierung der vorläufigen Rangliste war auf alles andere als Selbsterkenntnis oder Debatte aus. Die offiziellen Ergebnisse werden kommende Woche veröffentlicht. Doch das gute Abschneiden der südlichen Bundesländer ist höchstwahrscheinlich. Schließlich verkündet Bayerns Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU) ein ums andere Mal, er "gehe davon aus, dass Bayern im Spitzenfeld liegt". Und der bayerische Wissenschaftsminister sitzt an der Quelle: Er wurde gemeinsam mit dem rheinland-pfälzischen Kultusminister Jürgen Zöllner (SPD) vom Leiter der Pisa-Studie, Jürgen Baumert, vergangene Woche informiert. Ein Schuft, wer da an den Wahlkampf denkt ...
Andreas Schleicher hat die Aufregung kommen sehen. Er koordiniert weltweit die Pisa-Studie bei der OECD. Gefragt nach den voraussichtlichen Ergebnissen des deutschlandweiten Schultests Pisa-E, prognostizierte er schon vor Wochen, dass Bayern und Baden-Württemberg vorne liegen. Aufgrund der Sozialstruktur könnte es in Deutschland kaum anders sein. Auch in Finnland schnitten wirtschaftlich prosperierende Landesteile besser ab.
Bildungsforscher sind sich einig, dass eine gute Schule auf viele Faktoren zurückzuführen ist: Dazu gehören die Qualität des Unterrichts, Ausbildung und Auftreten der Lehrer, die Unterstützung durch die Eltern - aber auch das soziale Umfeld, Traditionen und Mentalitäten. So ließen sich zum Beispiel beim internationalen Pisa-Vergleich die exzellenten Leseleistungen finnischer Schüler unter anderem mit der Bücherkultur und der frühen Alphabetisierung der Bevölkerung erklären.
Die Wirtschaft stärkt die Bildung
Auch Erhard Hönes, Leiter des Ferdinand-Porsche-Gymnasiums in Stuttgart, führt die gute Platzierung baden-württembergischer Schüler auf die Mentalität im "Ländle" zurück: Die Schwaben hätten "eine starke Zielorientierung. Die Leute sind fleißig und können verzichten". Die Beziehungen der Menschen seien "meistens noch intakt", und "irgendwie sind wir bodenständiger". Die Länder im Süden Deutschlands haben zudem einen wirtschaftlichen Startvorteil, wie etwa die Sozialhilfequote belegt: Während sie in Bayern bei 1,9 Prozent liegt, weist Bremen (das dem Vernehmen nach im bundesweiten Vergleich schlecht abschneidet) 9,9 Prozent Sozialhilfeempfänger auf.
Andererseits lässt sich pädagogischer Erfolg oder Misserfolg nicht auf soziale Bedingungen reduzieren. Die Relativierung der Pisa-Ergebnisse ist zwar wichtig, darf Bildungspolitikern aber nicht als Ausrede dienen. Eine wichtige Rolle spielen nämlich auch die politischen Vorgaben. Das in Bayern und Baden-Württemberg übliche Zentralabitur gibt Schülern wie Lehrern einen im ganzen Land einheitlichen Leistungsstandard vor (siehe das Interview folgende Seite). Vor allem in Bayern ermöglichen zudem so genannte "Orientierungsarbeiten" zwischendurch den Lehrern eine bessere Übersicht über das Lernniveau ihrer Schüler. Das wirke auf die ganze Schule zurück und setze in den beiden Südstaaten Maßstäbe, meint Erhard Hönes.
Ähnlich sieht es auch der niederbayerische Schulrat Wilhelm Wölfel. Einerseits kritisiert er die CSU-Bildungspolitik wegen der strengen Auslese der Kinder in Bayern. Andererseits kennt er auch die Vorteile klarer bildungspolitischer Vorgaben. "Kürzlich kam ein Schreiben vom Kultusministerium", erinnert er sich, "da stand ohne viele Schnörkel drin: ,Der Unterricht muss besser werden!'" Wölfel mag diesen Ton nicht, aber zollt ihm doch Achtung. Ein Laisser-faire-Stil jedenfalls, da ist sich der Schulrat sicher, sei keine Alternative.
In den bayerischen Schulen wird Autorität noch geschätzt. Das durfte zum Beispiel Johannes Barkowsky erfahren. Der Lehrer hatte jahrelang an einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen unterrichtet, bevor er an eine Realschule in Bayern wechselte. Während viele Schüler in seiner alten Schule den Respekt vor den Pädagogen längst verloren hätten, überrascht es ihn, wie sehr das Wort des Lehrers im Freistaat noch zählt: "Wenn ich in der bayerischen Schule zum Schüler sage: ,Heb bitte das Papier vom Boden auf', dann tut er es. In Nordrhein-Westfalen würde er antworten: ,Wieso, das habe ich aber nicht hingeworfen'." Diese Atmosphäre schaffe Raum für konzentriertes Arbeiten. Der Neubayer ist überzeugt: Zu einem guten Unterricht gehöre "etwas Strenge und ein bisschen Lern- und Leistungsdruck".
Im internationalen Vergleich ähnelt Bayern also weniger Schweden, wo man auf Selbstlernen der Schüler und individuelle Förderung setzt. In manchem erinnert es eher an Südkorea, wo Disziplin und Pauken groß geschrieben werden.
Dazu passt, dass ein 15-zehnjähriger Schüler in Bayern laut Stundentafel von der ersten bis zur neunten Klasse viel mehr Unterrichtsstunden erhält als in allen anderen Ländern (ZEIT Nr. 25/02). Solche Zahlen erklären aber nicht alles. Schließlich müssen Kinder in Baden-Württemberg längst nicht so viele Stunden absolvieren. Worauf es ankommt, ist nicht die Länge, sondern die Qualität des Unterrichts, eine Einsicht, die Pisa-Chef Jürgen Baumert so formuliert: "Weniger schlechter Mathematikunterricht ist besser als mehr schlechter Unterricht."
Damit kommt den Fachleuten für den Unterricht eine zentrale Rolle beim Schulerfolg zu: den Lehrern. Ihr Können wird in der Ausbildung begründet. Zwar unterscheidet sich der Werdegang der Gymnasiallehrer von Bundesland zu Bundesland kaum, derjenige der Grund- und Hauptschullehrer dafür umso mehr. Und sie sind es, die bei ihren Schülern die Grundlagen für spätere Erfolge legen - oder verderben. "Unsere Lehrerausbildung ist die beste, weil sie praxisnah ist", behauptet der bayerische Schulrat Wilhelm Wölfel. Und auch der Erziehungswissenschaftler Gottfried Kleinschmidt, der lange im Stuttgarter Landesinstitut für Erziehung und Unterricht gearbeitet hat, betont: "Die Lehrerbildung ist der entscheidende Grund für die gute Unterrichtsqualität unserer Grund- und Hauptschulen." In Deutschland habe man die Bedeutung der Lehrer systematisch unterschätzt, sagt Kleinschmidt und fügt gleich hinzu: "In Baden-Württemberg und Bayern haben wir diesen Fehler noch am wenigsten gemacht."
In den beiden südlichen Bundesländern hat man die praxisorientierte Lehrerbildung in den Pädagogischen Hochschulen beibehalten und nicht, wie anderswo, der fachwissenschaftlichen Akademisierung an der Universität geopfert. "Bei uns", sagt Kleinschmidt, "lernen die Studenten von Beginn des Studiums an, wie sie unterrichten." Ein Lehrer müsse nun einmal vor allem ein Experte fürs Lernen sein. Viele deutsche Schulmeister verstehen sich allerdings eher als wandelnder Volks-Brockhaus für Germanistik oder Physik. Das sei zwar auch in den südlichen Bundesländern so, räumt Kleinschmidt ein, doch Bayern und Baden-Württemberg seien gewissermaßen die Einäugigen unter den Blinden.
Auch in diesem Punkt kann man von den internationalen Pisa-Siegern lernen: Finnlands Lehrer etwa werden in Universitäten ausgebildet, die eine unterrichtsnahe Ausbildung mit wissenschaftlichen Studien kombinieren. Ähnlich verfahren die Schweden, die seit der Reform der Lehrerausbildung im vergangenen Herbst das Studium noch enger mit der Praxis verzahnen. "Wir wollen nicht mehr Theorie praktizieren, sondern die Praxis theoretisieren", sagt Eskil Frank, Vizerektor der Pädagogischen Hochschule Stockholm.
Doch nicht nur die Ausbildung, auch das Auftreten der Lehrer ist wichtig. Verbreiten sie ansteckende Neugier, oder infizieren sie mit schlechter Stimmung? Sagen sie ihren Schülern: Seht her, dies ist schwierig, jenes spannend; das ist schön, und manche Anstrengung ist so unvermeidlich wie der Abwasch nach dem Essen? Oder präsentieren sie sich missmutig und kommen, wie Bremens Schulsenator Willi Lemke kürzlich geißelte, "manchmal im Trainingsanzug in die Schule"?
In Bayern verlangt die Dienstvorschrift von Grundschullehrern, eine Viertelstunde vor Unterrichtsbeginn in der Klasse zu sein. Auch alle anderen Lehrer sind dort gehalten, vor dem Läuten da zu sein. Offenbar verschafft eine solche Schulkultur, in denen der Lehrer noch am ehesten die traditionelle Respektperson verkörpert, den Pädagogen ein stärkeres Selbstbewusstsein - eine entscheidende Voraussetzung für einen wirksamen Unterricht.
Einen weiteres Zauberwort für den Erfolg von Schulen lautet "Schulentwicklung". In Baden-Württemberg plakatiert jüngst das Kultusministerium "Schulen brechen auf", und im Kultusministerium in München spricht man neuerdings von Empowerment und Learning Organization. Dafür wurde sogar eigens eine Innovationsabteilung eingerichtet. Diese hat inzwischen eine ganze Kette von Regionalkonferenzen organisiert, an der in Bayern bislang 22 000 Lehrer, ein Viertel aller bayerischen Schulbeamten, teilgenommen haben. "Und zwar freiwillig", wie die Leiterin des Innovationsreferats, Regina Pötke, betont. "Wir haben eine äußere Evaluation und haben mit Reformen begonnen." Das heißt: Schulen werden geprüft und müssen Rechenschaft geben. Zugleich werden sie ermutigt, eigene Profile auszubilden. Allein mit Druck von oben geht es nicht. Das hat man auch in Bayern verstanden.
Auf die Lehrer kommt es an
Innovativ geben sich auch die Baden-Württemberger. Jüngst wurde auf einem Kongress der linken tageszeitung die "modernste Hauptschule" Deutschlands vorgestellt. Sie liegt im baden-württembergischen Niederstetten, wo es zusätzlich zum Kernunterricht seit einiger Zeit "Vorlesungsverzeichnisse" mit Angeboten etwa zum "Methodenlernen" oder zum "Zeitmanagement" gibt. Ein Mitarbeiter aus dem Rathaus bietet unentgeltlich Gemeinschaftskunde an, und die Musiklehrerin wird von den zehn Gesangsvereinen des Ortes finanziert. "Für unsere Lehrer schaffen wir dadurch Zeit", sagt Rektor Gerhard Spindler.
Vor zehn Jahren allerdings, so gibt Staatssekretär Helmut Rau im Stuttgarter Kultusministerium unumwunden zu, hätte man einen Schulleiter wie Gerhard Spindler für seinen Eigensinn noch ins Oberschulamt zitiert und ihm so "eins auf die Mütze gegeben", dass kein anderer das je wieder versucht hätte. Wohin soll das führen? "Zu Vielfalt und Selbstevaluierung der Schulen", antwortet der Staatssekretär Helmut Rau, der vom frischen Eindruck einer Bildungsreise nach Finnland zehrt. Aber da sind alle Schulen doch Gesamtschulen? "Auf die Organisation kommt es nicht an." Worauf dann? "Auf die Lehrer." Vielleicht hat er Recht.
Wie man es am Ende auch dreht und wendet: Der Erfolg der bayerischen und baden-württembergischen Schulen hat viele Väter, und für Selbstgefälligkeit besteht kein Anlass. Das wird spätestens in einigen Wochen offenbar, wenn Andreas Helmke von der Universität Koblenz-Landau die Ergebnisse eines erstaunlichen Leistungsvergleichs veröffentlichen wird: Er hat die mathematischen Fähigkeiten von Kindern aus München und Hanoi miteinander verglichen und dabei festgestellt, dass die Vietnamesen den Bayern haushoch überlegen sind - und das, obwohl es dort in Schulen durchs Dach regnet und die Lehrer in drei Schichten unterrichten.
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