A U S E I N A N D E R S E T Z U N G Geschichtenverführer
Yoram Kaniuk setzt der Antisemitismusdebatte die Krone auf
Wie Yoram Kaniuk nicht auf den Leim gehen? Indem man sein neues Buch lediglich als Literatur versteht. Kaniuk ist ein verführerischer, ausschweifender, zuweilen manischer Geschichtenerzähler. Man lässt sich gern von ihm verführen. Doch im Kontext der laufenden Antisemitismusdebatte kann man seine nur leicht fiktionalisierten Berichte aus dem zeitgenössischen Deutschland nicht mehr bloß literarisch lesen. Um die Aktualität zu ermessen, genügt ein Seitenblick auf das Porträt von Reich-Ranicki: "Deutsche Intellektuelle mit Identitätsproblemen brauchen den unentbehrlichen jüdisch-polnischen Kritiker, um zu glauben, dass sie eine wichtige Literatur produzieren. Seine Liebe zu ihnen ist ihre Sühne für die Vergangenheit." Umso schwerer wiegt, so ergänzen wir, sein Verriss. "Im heutigen Deutschland", lesen wir bei Kaniuk voller Entsetzen, "ist noch niemand auf die Idee gekommen, einen Roman über ihn zu schreiben, den Roman über den klugen, allmächtigen Herrscher der deutschen Literatur."
Yoram Kaniuks Deutschland-Bilder aus den letzten Jahren lesen sich wie ein erzählerisch vorweggenommener, fast prophetischer Antisemitismusvorwurf. Man muss sich diesem Vorwurf stellen und sich von Kaniuk zu einer Reaktion provozieren lassen, gleich, wie sie ausfällt. Nur dann wird man seinem Buch und seinem Bemühen gerecht. Nur wenn man emotional reagiert, tritt man in den Dialog ein, den Kaniuk so dringend mit Deutschland führen möchte.
Das Buch ist erschütternd, wie immer man es politisch wertet. Kaniuk berichtet von seinen Reisen nach Deutschland seit einer ersten, flüchtigen Durchreise 1984. Zuvor hatte der Autor das Land gemieden, denn sein Verhältnis zu Deutschland ist von einer Hassliebe geprägt, die sich aus seiner Herkunft erklärt. Anders als viele aus Europa nach Israel ausgewanderte Juden sind er und seine Eltern keine Opfer des Holocaust gewesen. Sein Vater verließ bereits 1928 Berlin in Richtung Palästina, in weiser Voraussicht wohl, nicht jedoch gezwungen. Die Mutter lernte der Vater in Israel kennen. Er liebte Berlin und hasste seine neue Heimat Tel Aviv. Er ließ den Sohn den Berliner Stadtplan auswendig lernen und spielte mit ihm regelmäßig "Einkaufen in Berlin".
Die Heimat verleugnen
Die Sehnsucht des Vaters nach Berlin und seine Trauer um die Heimat wurden Yoram Kaniuks Trauer und Sehnsucht. Wie kann, so lautet Kaniuks existenzielle Frage, jemand, dem die Liebe zu Berlin in die Wiege gelegt wurde, inmitten von Menschen leben, für die Berlin nur ein Schreckenswort ist? Jemand, der sich schon deshalb als Außenseiter fühlen muss, weil er weder die Liebe noch den Schrecken aus eigener Anschauung kennt - und der dieses Defizit dann auch tatsächlich vorgehalten bekommt.
Einmal schildert Kaniuk, wie er von Überlebenden der Vernichtungslager eingeladen wird, um über sein Buch Adam Hundesohn zu sprechen, ein Buch übrigens, das, wie um Kaniuks Misstrauen zu bestätigen und uns neue Schande zu bereiten, derzeit in Deutschland nicht lieferbar ist: "Sie attackierten mich, weil ich keine Nummer hatte und mich als Überlebenden ausgab. Ich sagte, ich gäbe mich nicht als Überlebenden aus, und sie wurden wütend: Wie konnte ich dann ein solches Buch schreiben, wenn ich nicht dort war?" Kaniuk kompensiert seine Schicksalslosigkeit bewusst, indem er sich den Holocaust "auf eine besondere Weise aneignet". Der Preis dafür bestand darin, seine Berliner Seele zu verleugnen, jedenfalls bis zu seinem ersten Deutschland-Besuch.
Das Leid kleinreden
Vor dem Hintergrund dieser inneren Zerrissenheit begibt sich Kaniuk 1986 auf seine erste längere Reise ins Land der Täter. Die Ausgangsbedingungen für die Begegnung sind nicht nur deshalb so schlecht, weil die Deutschen den Holocaust verübt haben und, jedenfalls in der Lesart Kaniuks, zu einer echten Sühne nicht bereit sind. Sie sind schlecht, weil der Autor das Unmögliche von den Deutschen erwartet, nämlich dass sie die Wiedervereinigung seiner gespaltenen Seele ermöglichen, indem sie des Schreckens, den sie den Juden zugefügt haben, so intensiv gedenken wie Kaniuk selbst. Vor dieser Erwartungshaltung erweisen sich die Deutschen zwangsläufig als unwürdig. Bietet aber dem Autor der Nachweis ihrer Unwürdigkeit immerhin eine gewisse Genugtuung, so kann seine Erwartungshaltung den Deutschen nur wie das Höllenfeuer eines nach absoluter Gerechtigkeit dürstenden Gottes erscheinen.
Jüdisches Museum? "Das Jüdische Museum ist fehl am Platze, weil es der Kommerzialisierung oder Minimalisierung des Leidens Vorschub leistet. Es ist das Ergebnis der verständlichen, aber irrigen jüdischen Forderung, die Deutschen sollten etwas für die Juden tun, was im Grunde idiotisch ist." Mahnmal? "Dieses lächerliche Geviert mit den Stelen." Nürnberger Prozesse? "Was Deutschland davor bewahrte, wirklich die Verantwortung für die Vergangenheit auf sich zu nehmen, ... war auch das Ritual der Teufelsaustreibung durch die Bestrafung der Kriegsverbrechen." Hannah Arendt? "Arendt hatte mit vielen ihrer Schlußfolgerungen recht, doch sie hatte kein Herz für die Holocaust-Überlebenden, ihre Auffassung war kühl und steril, und sie richtete viel Schaden an mit ihrem Buch ..."
Vor Yoram Kaniuks absolutem Anspruch hat nichts Bestand, was die Geschichte an Wiedergutmachung und Vergangenheitsbewältigung bis jetzt zu bieten hatte. Und das Sonderbare ist: Man glaubt ihm. Man lässt sich von seinen Geschichten an die Hand nehmen und durch dieses Deutschland führen wie durch das Horrorkabinett der Charité. Die Menschen in diesem Land sind so schrecklich und unbedarft zugleich, dass man schon wieder über sie lachen muss. Und über Kaniuk, der wie ein Don Quichotte gegen sie anrennt, gleich mit. Denn vor der Böswilligkeit rettet ihn nur, dass er sich selbst parodiert. Am zweiten Tag seines Besuchs in Berlin bekommt er von seinen Gastgebern zwei Karten für die Oper. Er geht hin und fühlt sich sogleich fremd und beobachtet. Da er allein ist, legt er seine Jacke auf den Platz neben sich. Die Frau neben ihm fragt ihn, ob sie es ihm gleichtun dürfe, solange seine Begleitung noch nicht da sei. Aber weil sie seine Erklärung, allein gekommen zu sein, nicht zu verstehen scheint, fragt sie so lange nach, bis er ihr ausdrücklich verbietet, ihren Mantel auf diesen Platz zu legen. Und während er sich schon von allen Seiten beobachtet fühlt, erklärt er zur Begründung für seine Weigerung: "In Israel kaufen wir bei Premieren auch eine Karte für unsere Jacken, deshalb sitzt meine Jacke auf diesem Platz." Als das Schweigen andauert und niemand lacht, verlässt er den Saal mit den Worten: "Wenn ihr gelernt habt, öffentlich über einen Juden zu lachen, komme ich wieder."
Wo diese Selbstironie fehlt, schlägt Kaniuks Gerechtigkeitssinn seltsame Volten. Man kann zwar nachvollziehen, wenn er Grass angreift, weil dieser gegen den Golfkrieg argumentierte, als Israel vom Irak bedroht wurde. Aber man sträubt sich zu verstehen, warum dann auch Habermas ins Schussfeld gerät. Kaniuk verbringt einen Abend in Habermas' Landhaus im Wald. "Als ich dieses abgelegene Haus sah, dachte ich, wie leicht es gewesen wäre, hier Juden zu verstecken. Allein im Erdgeschoß hätte man vier Juden unterbringen können. Wer hätte sie mitten im Wald gefunden? Ich sagte Habermas nichts von diesem Gedanken. Er ist nicht schuld an dem, was nicht geschehen ist." Im selben Moment, in dem Kaniuk Habermas freispricht, insinuiert er dessen Schuld. Denn im Kontext dieses Buches ist der Vorwurf immer schon erhoben. Warum sitzt Habermas jetzt gemütlich in diesem Haus, in dem keine Juden gerettet wurden?
Die Angst zulassen
Kaniuk will keinen rationalen Dialog mit den Deutschen (denn hat nicht gerade die rückhaltlos instrumentalisierte Vernunft die Vernichtungslager möglich gemacht?), sondern eine leidenschaftliche, emotionale, ja gewollt irrationale Auseinandersetzung, da sie allein die unbewussten Sedimente, Ängste und Vorurteile auf beiden Seiten ans Licht zu heben vermag. Dies gelingt Kaniuk. Das Buch wühlt auf. Erst die aus Emotionen gespeiste Anklage lotet die Abgründe des deutsch-jüdischen Verhältnisses nach dem Holocaust wahrhaft aus. So genial Kaniuk aber darin ist, die deutsch-jüdische Auseinandersetzung mit einer nie dagewesenen Tiefendimension zu versehen, so fatal ist die von ihm betriebene Emotionalisierung, wenn nicht die Begegnung von Mensch und Mensch, sondern von Völkern und Staaten gemeint ist und die Politik ins Spiel kommt. Seine politischen Artikel und manche haarsträubende Aussage zum Verhältnis von Israel und Europa und zum Nahostkonflikt sind der Sache nach kaum mehr nachvollziehbar, allenfalls psychologisch verständlich. Der Impuls zum emotionalen Diskurs, der im Zwischenmenschlichen die Grenzen womöglich durchbricht, richtet sie im Politischen auf. Seine Anklagen gegen Deutschland können dennoch niemanden, der in diesem Land lebt, gleichgültig lassen.
Yoram Kaniuk: Der letzte Berliner
Aus dem Hebräischen von Felix Roth; List Verlag, München 2002; 270
S., 18 €
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