S C H U L E In welchen Schulen lernt man am besten?
Der Berliner Bildungsforscher Rainer Lehmann über Leistungsverweigerung, zentrale Prüfungen und die pädagogische Wirkung der Disziplin
die zeit: Bayern und Baden-Württemberg sollen im Pisa-Ländervergleich am besten abgeschnitten haben. Würde Sie das Ergebnis überraschen?
Rainer Lehmann: Ich kenne die Ergebnisse nicht. Aber wenn es so wäre, würde es mich nicht verwundern. Auch frühere Vergleichstests haben regelmäßig gezeigt, dass es bei den Schülerleistungen ein auffälliges Nord-Süd-Gefälle gibt.
zeit: Sind Schüler im Süden der Republik schlauer als im Norden?
Lehmann: Das sicherlich nicht. Die genauen Gründe für die Leistungsunterschiede zwischen Bundesländern soll uns die Pisa-Studie ja erst liefern. Aber schon heute kennt die Bildungsforschung wichtige Faktoren, die einen Lernerfolg möglich machen. Das sind zuerst einmal äußere Faktoren, auf die keine Schule Einfluss hat. Ein Bundesland, in dem viele Kinder nichtdeutscher Herkunft zur Schule gehen, hat es in jedem Fall schwerer, gute Durchschnittsergebnisse zu erzielen als eines mit einer geringen Migrantenzahl.
zeit: Spielt das Elternhaus nur bei Migrantenkindern eine Rolle beim Schulerfolg?
Lehmann: Nein, auch bei deutschen Kindern haben Eltern einen wichtigen Einfluss. Wir wissen, dass Kinder aus einem Haushalt, wo der Umgang mit Lexika, Büchern oder dem Computer alltägliche Praxis ist, besser lernen. Zum einen können sie Neugier und Wissensdurst außerhalb des Unterrichts befriedigen. Zum anderen wird diesen Kindern von zu Hause eine Wertschätzung von Bildung mitgegeben, die ihr Lernverhalten prägt.
zeit: Wenn die Familienstrukturen, in denen Kinder aufwachsen, so prägend sind, welchen Einfluss hat dann noch die Schule oder gar eine bestimmte Bildungspolitik auf den Lernerfolg?
Lehmann: Einen großen Einfluss. In unserer Hamburger Studie stellten wir fest, dass Schulen mit gleichem sozialen Umfeld ganz unterschiedliche Leistungsniveaus haben. Noch größere Differenzen existieren auf der Ebene des Unterrichts. Sie können an ein und derselben Schule eine Klasse haben, die ein hohes Lernniveau erreicht, und in der Parallelklasse ist das Gegenteil der Fall.
zeit: Welche Rolle spielt die Schulpolitik?
Lehmann: Es macht einen Unterschied, ob beim Übergang von der Grundschule aufs Gymnasium die Lehrerempfehlung eine große Rolle spielt - wie in Baden-Württemberg - oder wie in Hamburg die Eltern weitgehend bestimmen können, ob ihr Kind aufs Gymnasium kommt. Dort fehlt ein wichtiger Anreiz, sich früh für den Fortschritt des Kindes zu interessieren, was sich wiederum im Lernverhalten der Kinder niederschlagen kann.
zeit: Wird es den Schülern zu leicht gemacht?
Lehmann: In unserer Hamburger Studie fanden wir Anhaltspunkte dafür, dass Lernpotenziale der Schüler nicht voll ausgeschöpft wurden, weil der Leistungsanspruch zu niedrig war. Ein niedriges Niveau jedoch nützt niemandem. Starke Schüler fühlen sich unterfordert, und auch schwächere Schüler profitieren eher davon, wenn man ihnen signalisiert: Du musst dich noch ein bisschen mühen. Ohne Anstrengung lernt man nicht.
zeit: Das hieße, dass Bundesländer schlechter abschneiden, in denen eine Schulkultur vorherrscht, die Leistung weniger schätzt.
Lehmann: Das könnte sein. Leistung zu fordern war lange Zeit verpönt, auch unter Lehrern. Man sprach von Leistungsterror und Leistungsangst. Dahinter steckte die pädagogische Vorstellung, dass es heutzutage wichtiger sei, soziale Tugenden als fachliches Können zu vermitteln.
zeit: Ein Plädoyer für die Paukschule?
Lehmann: Auf gar keinen Fall. Es ist ein Vorurteil, Leistung mit Pauken gleichzusetzen. Es geht darum, mit langem Atem und klaren Zielen Kompetenzen aufzubauen und sichtbar zu machen. Fehlen klare Ziele, wird der Unterricht nicht interessant gestaltet und die Schüler verlieren das Interesse. Es gibt Hinweise aus anderen Studien, dass die aktive Lernzeit von deutschen Schülern erschreckend gering ist.
zeit: Was machen die Schüler sonst im Unterricht, wenn sie nicht lernen?
Lehmann: Aus dem Fenster schauen, sich mit dem Nachbarn unterhalten. Zu oft ist auch der Lehrer mit anderen Dingen als mit Unterrichten beschäftigt, zum Beispiel mit organisatorischen Dingen. Über diesen Punkt sind sich eigentlich alle einig. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Man kann sich beklagen, dass die Schüler anders als früher nicht mehr zuhören. Oder man fragt, wie sich der Unterricht verändern muss.
zeit: Weniger Frontalunterricht also?
Lehmann: Frontalunterricht ist nicht zwangsläufig schlecht. Er sollte sich nur abwechseln mit beispielsweise Gruppenarbeit, dem eigenständigen Lernen am Computer oder mit Projekten, die nicht gebunden sind an den 45-Minuten-Rhythmus. Es ist eine einigermaßen sichere wissenschaftliche Erkenntnis, dass ein solcher Methodenmix die Lernmotivation steigert und den Lernerfolg erhöht.
zeit: Ist es ein Vorteil, dass in Bayern von der ersten bis zur neunten Klasse 1000 Stunden mehr unterrichtet werden als in anderen Bundesländern?
Lehmann: Wird die Zeit sinnvoll genutzt, hat das sicher einen Einfluss auf die Schülerleistungen.
zeit: Welche Rolle spielt die Schulform? Viele Länder, die bei Pisa gut abschneiden, haben Gesamtschulsysteme. Doch in Deutschland scheinen Bundesländer mit hohem Gesamtschulanteil eher unterdurchschnittliche Ergebnisse zu erzielen.
Lehmann: Wir wissen aus einer Reihe von Studien, dass die Schulorganisation nicht per se verantwortlich ist für mittelmäßige Schülerleistungen. Es kommt darauf an, was in den Schulformen und, noch mehr, was im Unterricht passiert. Man kann - die Schweden, Finnen oder Japaner zeigen es - in Gesamtschulen Schüler zu hervorragenden Leistungen bringen. Dann muss jedoch jeder Schüler nach seinen Fähigkeiten gefördert werden ...
zeit: ... was nicht die Stärke deutscher Schulen ist.
Lehmann: Richtig, hier konzentriert sich das Niveau auf das Mittelmaß. Da deutsche Gesamtschulen in der Regel nur wenige starke, aber viele mittelmäßige oder schwache Schüler haben, sind die Anforderungen relativ niedrig. Die schwachen Schüler ziehen die wenigen guten nach unten.
zeit: Das hieße im Gegenzug, dass in Bayern, wo die Hauptschule noch nicht Restschule ist, sondern ein relativ breites Begabungsspektrum umfasst, die schlechten Schüler profitieren.
Lehmann: Das könnte sein. Diese Frage wird Pisa beantworten.
zeit: Andererseits fehlen in Bayern Gymnasiasten. Die Abiturientenquote liegt bei 20 Prozent.
Lehmann: Die Kunst ist, die Gymnasialquote anzuheben, ohne das Anspruchsniveau zu senken.
zeit: Funktioniert das?
Lehmann: Finnen und Schweden beweisen es. Sie schaffen für ihre besonders begabten und interessierten Schüler anscheinend solche Anreize, dass diese sich nicht langweilen.
zeit: Das hieße zum Beispiel, dass der eine Schüler im Deutschunterricht schon Goethe liest, während die anderen noch bei Harry Potter sind - was eben einen individualisierten Unterricht voraussetzt und weniger Vorschriften und Lehrpläne.
Lehmann: Stimmt. Doch Vorsicht: Die Forderung nach mehr Autonomie der einzelnen Schule könnte solche individuellen Unterschiede noch einmal vergrößern. Ohne gemeinsame anspruchsvolle Lernziele profiliert sich die eine Schule als Eliteanstalt und die andere als Auffangeinrichtung.
zeit: Wie lässt sich das verhindern?
Lehmann: Durch Standards, die für alle gelten. Bei der Bundeswehr gibt es ein Schema, das Auftragstaktik heißt: Nimm die Höhe 503 - wie du dahin kommst, bleibt dir überlassen. Wenn das Ziel klar definiert ist, dürfen die Wege dorthin sich unterscheiden. Die einzelne Schule weiß sehr viel besser als die Schulaufsicht, welche Probleme sie hat und wie sie diese löst.
zeit: Bayern und Baden-Württemberg testen die Standards durch zentrale Prüfungen. Ist das der richtige Weg?
Lehmann: Mit gemeinsamen Abschlussprüfungen möchte man sicherstellen, dass ein Münchener Abiturient nur dann die allgemeine Hochschulreife bekommt, wenn er dieselbe Leistung bringt wie einer aus Neumarkt in der Oberpfalz. Das fördert die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit von Abschlüssen.
zeit: Was bedeutet das für den Unterricht?
Lehmann: Solche Prüfungen zwingen dazu, breiter und intensiver zu lernen. Lehrern, Schülern aber auch Eltern ist stärker bewusst, dass die Erlangung des Abiturs einen langen Atem braucht und nicht durch ein paar gute Zensuren bei seinem Lieblingslehrer zu erlangen ist.
zeit: In anderen Bundesländern werden die Abitursaufgaben zwar von den einzelnen Lehrern entworfen, aber doch auch zentral abgesegnet.
Lehmann: Ich glaube, dass solche Korrekturmechanismen nicht ausreichen. Die Schulaufsicht weiß nicht, wie spezifisch sich die Schüler auf diese Aufgaben vorbereitet haben. Ich will damit nicht Betrug unterstellen. Doch wenn Lehrer und Schüler nicht wissen, aus welchem Bereich des Curriculums die Aufgaben kommen, bleibt ihnen nur die Möglichkeit, das Lernen breit anzulegen.
zeit: Verbindlichkeit, Sorgfalt, Leistungsbereitschaft: Das sind alles konservative Tugenden.
Lehmann: Ich glaube in der Tat, dass solche Tugenden ebenso wie Verlässlichkeit oder auch Pünktlichkeit bei Lehrern wie Schülern eine Voraussetzung bilden für ein anspruchsvolles Leistungsniveau. Diese Werte sind gerade bei vielen Lehrern stark infrage gestellt worden, in einigen Bundesländern vielleicht mehr als in anderen. Hier ist eine Neugewichtung notwendig.
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