Alles muss raus!

Italien will seine Kunstschätze verscherbeln. Der Kulturminister wiegelt ab, sein Staatssekretär tobt, und die Öffentlichkeit lacht

Zugetragen hat sich die Erscheinung in Calatafimi-Segesta, im Nordwesten Siziliens, vor nicht langer Zeit. Bis dahin hatte sich Nicola Cristaldi, Bürgermeister von Calatafimi-Segesta, nie besonders auffällig verhalten, weder war von ihm bekannt, dass er Schlafwandler gewesen wäre, noch, dass er manchmal Krämpfe gehabt hätte. Er raucht zwar Zigarren und ist Abgeordneter der neofaschistischen Partei Alleanza Nazionale, weist jedoch außer einem rotgrauen Schnauzbart, der seinen Mund völlig verdeckt, keine besonderen Kennzeichen auf. Aber dann hatte er die Erscheinung. Er sah den Papst, Mutter Teresa und Padre Pio. Alle auf einmal. Ihre Antlitze hatten übernatürlich geleuchtet und dabei Rosenduft verströmt. Und er sah Pilger. Schätzungsweise über eine Million. Er sah auch einen Parkplatz, so groß, wie er in seinem Leben noch nie einen Parkplatz gesehen hatte, er sah diverse Brücken und Tunnel, er sah eine neue Straße, parallel zum Lauf des Flusses Kaggera, um durch das Tal Il Vallone della Fusa schnell und bequem zu den leuchtenden Heiligen zu gelangen, und er sah Zufahrtsrampen für die Gebrechlichen, ökologisch gestaltet, mit kleinen, flinken Maultieren, welche die Pilger zum Wallfahrtsort trugen. Vermutlich geschah alles bei Sonnenuntergang, also dann, wenn der Tempel von Segesta ganz verlassen dasteht, weil die Busse mit den Tagestouristen bereits in Richtung Monreale unterwegs sind. Ob der Bürgermeister danach blass geworden ist, ob er zitterte oder ihm die Beine weich wurden, ist nicht überliefert.

Fest steht nur, dass er dem Stadtrat vorschlug, in dem Tal des Tempels von Segesta die Antlitze von Papst Wojtyla, Mutter Teresa und Padre Pio an einem Kalksteinfelsen aufzuhängen, in der Art, wie Washington, Jefferson, Lincoln und Roosevelt aus dem Mount Rushmore blicken. Heiligenbilder aus Zement und Stahl oder aus leichtem, farbigem Plastik, jeweils zwanzig Meter hoch. Mutter Teresa etwas kleiner. Die Idee zum mystischen Park war geboren: il parco mistico. Siziliens Erlebnispark für Gläubige.

Anzeige

Der Stadtrat war schnell überzeugt. Denn was sind die 326 000 jährlichen Besucher eines dorischen Tempels gegen eine Million Pilger? Zu Padre Pios Heiligsprechung waren schließlich 300 000 Gläubige zum Petersplatz gepilgert.

300 000 an einem einzigen Tag! In einem Dreijahresplan wurden fünf Millionen Euro als Kosten für die Gestaltung eines Wallfahrtsortes samt neuer Straßenführung, einem "Auto-Terminal", Brücken, Tunneln, Zufahrtsrampen und gegebenenfalls Maultieren veranschlagt. Zehn Prozent davon würde die Stadtverwaltung tragen, vierzig die sizilianische Regionalverwaltung, fünfzig private Sponsoren.

Der Parco mistico droht zum Park der Zwietracht zu werden

Dass seither sämtliche italienische Umwelt- und Kulturschutzverbände, von Italia Nostra bis zur Lega Ambiente, außerdem etliche Anti-Mafia-Vereinigungen Sturm laufen, vor dem Tempel gegen das mystische Projekt Unterschriften sammeln und sonntägliche Demonstrationszüge mit Luftballons und roten Che-Guevara-Fahnen veranstalten, ist dem Bürgermeister ein Rätsel. Hat er nicht einfach nur die Stimme des Herrn vernommen, der mehr Unternehmergeist in der Kultur forderte? Hatte er nicht lediglich Arbeitsplätze schaffen wollen? Spirituelle Struktur für eine strukturschwache Zone? Und hat nicht der Wirtschaftsminister Tremonti selbst die Marschroute vorgegeben, indem er das staatliche Haushaltsloch mit der Vermarktung und dem Verkauf von Staatsgütern - darunter auch Museen und historischen Baudenkmälern - stopfen möchte? Hat nicht Kulturminister Urbani angeregt, Museen wie private Unternehmen zu verwalten?

Natürlich sei jede private Initiative, die der besseren Erschließung von Kulturgütern diene, im Allgemeinen zu honorieren, sagt die Dame aus dem Presseamt des Kulturministers. Im Einzelnen aber falle Segesta nicht unter die ministerielle Kompetenz. Kulturminister Giuliano Urbani lässt wissen, dass Sizilien eine autonome Provinz sei und als solche auch handele. Dies bedeute jedoch nicht, dass sich der italienische Staat aus sizilianischen Kulturangelegenheiten völlig heraushalte, zuletzt habe man 850 000 Euro für Ausgrabungsarbeiten in der archäologischen Zone von Segesta bereitgestellt.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service