die zeit: Ihr letzter Roman Yalo wurde in einigen arabischen Ländern von der Zensurbehörde verboten, was waren die Gründe?

Elias Khoury: Als der Roman Yalo in Jordanien verboten wurde, habe ich keine Stellungnahme in der Zeitung veröffentlicht. Früher hätten wir protestiert, aber jetzt ist die Unterdrückung normal und die Erlaubnis, ein Buch zu veröffentlichen, die Ausnahme. In dem Roman geht es um die arabischen Gefängnisse und ihre Foltermethoden. Eine Methode ist, die Gefangenen zur Niederschrift ihrer Lebensgeschichte zu zwingen, um ihre Persönlichkeit zu zerstören. Der Roman spricht also über den Versuch der arabischen Regierungen, ihre Bürger zu demoralisieren. Eigentlich gibt es gar keine Bürger in der arabischen Welt, meist gibt es nur den Herrscher und seine Untertanen. Die Rolle der Zensur geht auf die Idee des Umsturzes zurück, die Michel Aflaq, der Begründer der in Syrien und Irak seit 1963 regierenden Baath-Partei, begründete. An dem Umsturz beteiligten sich Offiziere und Intellektuelle aus dem Kleinbürgertum. Darum haben die Hüter der Macht jetzt Angst vor den Intellektuellen, weil sie glauben, sie könnten das System stürzen, so wie sie es zuvor getan haben. Doch ist die Zensur völlig irrational, weil weder ein Roman eine Revolution auslöst noch ein Gedicht eine Demonstration oder ein Lied einen Militärputsch. Das Zensurverlangen zeigt vielmehr, dass die Systeme diktatorisch sind. Sie üben eine Art Terror auf Intellektuelle aus.

zeit: Welche Art von Terror meinen Sie?

Khoury: Die Wurzeln dieses Terrors sind die Militärregime und nicht der Islamismus. Betrachten wir nur einige Schriftsteller in Ägypten wie Sonallah Ibrahim und Youssef Idriss, so sehen wir, dass sie alle im Gefängnis waren.

Der Roman in der arabischen Welt ist ein Kind des Gefängnisses. Die Machthaber terrorisieren die Intellektuellen, indem sie sie vor die Wahl stellen: Entweder befürworten sie das Militärregime, oder man droht ihnen mit der islamistischen Gefahr. Nehmen wir den libanesischen Sänger Marcel Khalife: Nachdem er ein Gedicht des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwisch, in dem ein Koranvers vorkommt, vertont und gesungen hat, wurde er vor Gericht gestellt. Es hieß, das Amt für islamische Rechtsgutachten in Beirut habe dies veranlasst. Den Prozess haben wir am Ende gewonnen. Wir fanden heraus, dass dem Mufti eine Anfrage von der Behörde für Innere Sicherheit zugegangen war, ob die Vertonung des Korans erlaubt sei. Natürlich verneinte der Mufti, und Marcel Khalife wurde daraufhin von Unbekannten angezeigt. Die Aufgabe der Sicherheitsapparate ist es, demokratische und laizistische Strömungen auszumerzen, indem sie sich der Religion bedienen, um die Intellektuellen einzuschüchtern. Der Feind der Freiheit ist also die Diktatur, nicht der Islam.

zeit: Im Rahmen des neuen Berliner Festivals IN TRANSIT führten Sie die Performance Three Posters mit dem Regisseur und Schauspieler Rabih Mroué auf.

Die Kernaussage war eine Ablehnung der Selbstmordattentate. Brechen Sie damit ein Tabu in der arabischen Welt?