B I L D U N G Nach Pisa ist vor Pisa

Welches Bundesland gewinnt 2004? Der Wettbewerb ist eröffnet

Dass Deutschlands Schüler im Weltmaßstab nicht einmal Mittelmaß sind, das ist bekannt, seit vor einem halben Jahr die internationale Schulstudie Pisa (Programme for International Student Assessment) veröffentlicht wurde. Der innerdeutsche Pisa-Vergleich zeigt nun: Kein deutsches Bundesland erringt einen internationalen Spitzenplatz, und innerhalb Deutschlands herrscht ein steiles Leistungsgefälle. Ein bis zwei Schuljahre sind die Schüler aus Nürnberg und Karlsruhe dem Nachwuchs aus Bremen oder Halle im Lesen, in Mathematik und den Naturwissenschaften voraus.

Ins Parteipolitische übersetzt: International hat sich die CDU/CSU in der Bildungspolitik nicht mit Ruhm bekleckert. Für die SPD ist der Bundesländervergleich ein Debakel. Hessen und Nordrhein-Westfalen, die Experimentierfelder der sozialdemokratischen Schulreformer, liegen klar hin-ter den Unions-Stammländern. Der schlimmste Schlag für die einstige Arbeiterpartei: In den SPD-Hochburgen entscheidet die soziale Herkunft stärker über den Lernerfolg der Kinder als im schwarzen Süden. Auch der Nachwuchs der Einwanderer lernt unter den Fittichen der Roten weniger als unter der Ägide der Union. Offenbar ist das Fordern von Leistung gerechter als der Verzicht auf sie.

Leistung und Gerechtigkeit - die SPD hat in ihrem Beritt das eine wie das andere Ziel verfehlt. Die "Partei der Bildung" (Wilhelm Liebknecht) steht vor den Trümmern ihrer wohl gemeinten Reformpolitik. In der Bildungseuphorie der siebziger Jahre wollte die SPD das dreigliedrige Schulsystem durch die Gesamtschule ersetzen, um soziale Schranken niederzureißen und die Lernkultur zu modernisieren. Doch für eine radikale Reform fehlte der Partei der Mumm. Stattdessen ruinierten sozialdemokratische Kultusminister die Hauptschule und führten planlos die Gesamtschule als zusätzliche Schulform ein. Den Lehrern wurden keine Ziele vorgegeben, um der vermeintlichen Gerechtigkeit willen wurden Standards gesenkt. Für dieses Herumgewurschtel präsentiert Pisa die Rechnung - und die Schüler müssen sie bezahlen.

Die CDU/CSU hat dagegen auf die Optimierung des bestehenden Systems gesetzt. Das reichte zumindest, um international ins Mittelfeld zu gelangen und den innerdeutschen Bildungskrieg für sich zu entscheiden.

Die Schwächen des deutschen Schulsystems, die Pisa bloßgelegt hat, sind auch in Bayern und Baden-Württemberg zu besichtigen: zu wenig Hochleistung, schlechte Chancen für den Aufstieg von begabten Arbeiterkindern ins Gymnasium und eine große Gruppe von 15-Jährigen, die nicht mit Verstand lesen und nur wie Grundschüler rechnen können - unter ihnen viele Einwandererkinder.

Doch das ist das Gestern. Was wird die Schulen nach dem Pisa-Test besser machen? Die Antwort: Noch mehr Tests! Und Wettbewerb.

Tests: Erst Studien wie Pisa haben wie ein Gewitter die drückende Schwüle aufgelöst, die auf der Bildungspolitik lastete. Ahnungen wurden zur Gewissheit, und Unerwartetes trat zutage, etwa der Qualitätsverfall im deutschen Mathematikunterricht. Widerlegt wurde die Legende, dass mehr Geld, mehr Lehrer und kleinere Klassen die Schüler schlauer machen. Dito die Mär, dass Auslese Voraussetzung für Spitzenleistungen ist. Ein neues Ost-West-Problem wurde entdeckt: Betrachtet man nur die Schüler mit deutschsprachigen Eltern, dann liegen alle neuen Bundesländer, mit Ausnahme von Sachsen, unter dem Bundesdurchschnitt.

Selten einmütig beschreiben nun linke wie konservative Politiker, was nötig ist: Standards setzen durch Zentralprüfungen und mehr Freiheit für Schulen, Lernen schon im Kindergarten, Hilfe für Einwandererkinder beim Deutschlernen, Ganztagsschulen und eine praxisnahe Lehrerausbildung.

Der Schulstreit ist eine deutsche Leistungssportart, doch erst empirische Studien geben vernünftige Messlatten her. Diese Quelle der Erkenntnis darf nicht versiegen. Die "empirische Wende in der Bildungspolitik" (Hamburgs Exschulstaatsrat Hermann Lange) ist auch ein Verdienst weitsichtiger Sozialdemokraten. Frühzeitig und umfassend haben Hamburg, Rheinland-Pfalz und Brandenburg ihre Schulen auf den Prüfstand gestellt.

Wettbewerb: Der Hebel, der das Wissen in Tun umsetzen kann, heißt Wettbewerb zwischen den Bundesländern. Die Wähler werden es nicht hinnehmen, dass ihr Nachwuchs in maroden Schulen zurückfällt, während andernorts die Bildung floriert. Den Grundstein für einen fairen Wettstreit hat die viel gescholtene Kultusministerkonferenz (KMK) gelegt. In einem seltenen Moment des Mutes einigten sich die Ländervertreter 1997 (auf Antrag des Mainzer SPD-Ministers Jürgen Zöllner) auf Leistungsvergleiche zwischen den Ländern, wohl wissend, dass diese heftige politische Gefechte auslösen würden. Die innerdeutsche Pisa-Studie hat den Präzedenzfall geliefert. Schon hat die KMK einen weiteren Bundesländervergleich im Rahmen der nächsten Pisa-Studie beschlossen.

Der KMK nun ausgerechnet in einem ihrer lichtesten Momente die Kompetenz abzustreiten, wie es der Bundeskanzler tut (Seite 33), zeugt nicht von gutem Timing. Sicher hat die Runde der Kultusminister bei den Reformen lange gebremst, doch scheinen die Zeiten der rot-schwarzen Selbstblockade passé. Jetzt bestimmen Pragmatiker das Geschehen. Natürlich verlangt Pisa nationale Anstrengungen. Aber ob diese einer Bundesbildungsministerin (oder gar einem Minister Möllemann) besser gelingen als den Kultusministern der Länder, darf bezweifelt werden. Bundesweite Standards für die Schulen können in der KMK verabredet werden, auch für einen nationalen Bildungsbericht ist ein Berliner Ministerium nicht nötig.

Jetzt schlägt nicht die Stunde der Zentralgewalt, sondern die des Föderalismus. Erstmals kann er seine Stärken ausspielen, weil der Wettbewerb mit der Pisa-Studie klare Maßstäbe und Regeln hat. Sicher: Die deutschen Südstaatler werden viele Jahre lang vorn liegen. Aber bei der nächsten Pisa-Runde gebührt der Lorbeer dem Land, das die Leistungen seiner Schüler am meisten gesteigert hat. 2003 läuft die Untersuchung, 2004 kommen die Ergebnisse. Dann werden die Sektgläser neu verteilt.

 
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