A S I E N Elefant aus Glas

Fünf Jahre nach der Asienkrise: Die Opfer von damals haben sich erholt, jetzt zittern ihre Nachbarn

 

Veränderung des Bruttoinlandsproduktes
in Prozent
ZEIT-Grafik
Quelle: Consensus Economics London

In Thailand haben die Wahrsager Konjunktur. 25 Millionen Euro gaben allein die Bewohner Bangkoks im vergangenen Jahr aus, um einen Blick in die Zukunft zu tun. Schwerpunkt des Interesses im Jahr fünf nach der Asienkrise: die wirtschaftlichen Aussichten.

Die Seher können Entwarnung geben, die Opfer von damals haben sich erholt: Thailand, das Land, in dem die Krise 1997 ausbrach, Indonesien, wo die Banken die meisten faulen Kredite vergaben, Malaysia, dessen Regierung sich am lautesten gegen Ratschläge des Internationalen Währungsfonds wehrte, und vor allem Südkorea, die Nation, die als letzte noch in den Strudel geriet - sie alle sind wieder auf dem Wachstumspfad. Zwischen drei und sechs Prozent Zuwachs beim Bruttosozialprodukt dürften die ehemaligen Krisenländer dieses Jahr erreichen, prognostiziert Consensus Economics in London.

Schlechte Noten gibt es dagegen für die Klassenbesten von damals - für jene asiatischen Länder, die vor fünf Jahren glimpflich davon kamen. Die Ökonomien von Singapur und Taiwan schrumpften vergangenes Jahr um zwei Prozent. In Hongkong stagnierte die Wirtschaft, das trug seinen Teil dazu bei, die erfolgsverwöhnten Bewohner der Stadt zu deprimieren: Die Zahl der Selbstmorde ist seit 1997 um ein Viertel gestiegen. Besonders die Jungen suchen den Freitod. "Die wurden im Boom geboren und haben nie gelernt, mit Problemen umzugehen", analysiert Dennis Wong, Soziologe an der City University.

Auch viele Politiker der Region sind nachhaltig verunsichert. Über Dekaden wuchsen die von ihnen geführten Volkswirtschaften fast von selbst, dann wurden die Schwächen überdeutlich: Die Cliquenwirtschaft, die regierungsnahe Clans von öffentlichen Geldern profitierten ließ. Die Konglomerate in Familienhand, die von Taschenrechnern über Mobiltelefone bis hin zu Flugzeugträgern einfach alles anboten. Die Banken, die diese Expansion ohne Rücksicht auf Rendite finanzierten, weil sie demselben Clan oder dem Staat gehörten.

Viele dieser Traditionen überlebten die Krise nicht. Genausowenig wie der Drang, auch architektonisch Zeichen zu setzen: Zwar preisen thailändische Fremdenführer auch heute noch die Silhouette ihrer Hauptstadt. Ein Wolkenkratzer wurde in seinen Umrissen einem Elefanten nachempfunden. Fährt man aber abends durch Bangkok, stellt man fest, dass in den neueren Bürotürmen oft ganze Etagen unbeleuchtet sind. Ähnlich steht es in Malaysias Metropole Kuala Lumpur, wo 1997 die Petronas Towers eingeweiht wurden, das höchste Gebäude der Welt. Es gibt zwar noch Baustellen in Kuala Lumpur. Doch statt Mauern wachsen dort nur Moos und tropische Pflanzen. Von ihrer Bauwut ist die Region erst mal kuriert.

Halsketten zu Geldreserven

Asien hat sich verändert. Korea ist mit den Reformen am weitesten. Dort nahm man sich den Crash so zu Herzen, dass viele Frauen ihren Schmuck zur Stärkung der staatlichen Goldreserve opferten. Auch die Regierung fügte sich schnell in die nötigen Spar- und Umbaumaßnahmen. So konnte Korea seine Kredite vom Weltwährungsfonds früher als geplant zurückzahlen und liegt beim Wachstum wieder vorn. Allerdings gab es auch Pannen, bei der Zerschlagung der "Chaebols" zum Beispiel. Immer noch sind diese Mischkonzerne in höchstem Maß verschachtelt. Verkäufe von Tochterfirmen scheitern - wie etwa beim Halbleiterhersteller Hynix - oft immer noch aus Angst vor ausländischen Investoren.

Besonders ausgeprägt ist diese Furcht in Thailand, dem "Land der Freien". Jahrhundertelang hielt sich das Königreich das Ausland vom Hals, jetzt fürchtet es wirtschaftliche Kolonialisierung. Dennoch konnte der Weltwährungsfonds wenigstens gewisse Standards etablieren - etwa eine transparentere Buchhaltung und ein Konkursrecht. Als nach 1997 das Chaos bereinigt werden musste, stellte sich heraus, dass für Firmenpleiten schlicht die rechtliche Grundlage fehlte. Kungeleien gibt es immer noch. So hat Premier Shinawatra Thaksin viel Popularität verloren, weil vermutet wird, dass der Politiker Freunde und vor allem das familieneigene Unternehmen begünstigt. Doch inzwischen wird solches Gebaren wenigstens laut kritisiert - selbst von König Bhumibol.

Thailands Nachbar Malaysia bemüht sich ums Saubermann-Image. Premier Mohamad Mahathir feuerte im Sommer 2001 seinen langjährigen Finanzminister, weil der bei der Sanierung maroder Konzerne Freunden allzu offensichtlich Gutes tat.

Veränderung des Bruttoinlandsproduktes
in Prozent
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Quelle: Consensus Economics London

 

Am schwersten tut sich Indonesien mit den Aufräumarbeiten. Drei Regierungswechsel hat das Land seit 1997 hinter sich. Weder gelang es, die herrschenden Politiker und Unternehmer gegen eine neue Elite auszutauschen, die den Namen verdient, noch sind die Konflikte zwischen den Völkergruppen des Inselstaats beigelegt worden. Zwar haben die indonesischen Banken Fortschritte gemacht: War 1997 noch fast jeder zweite Kredit faul, galten nach Angaben der Asia Development Bank im vergangenen Jahr nur rund 15 Prozent als uneinbringbar. Aber die anderen Krisenländer sind weiter: Thailand hatte vergangenen September noch 13 Prozent der Bankverbindlichkeiten zu bereinigen, Malaysia 12 Prozent, Korea 6 Prozent.

Großreinemachen ist notwendig, das haben auch die Regierungen der erfolgreichsten Tigerstaaten verstanden. Die Taiwanesen verfolgen die Krisenbewältigung der Wettbewerber schon fast mit Neid: "Die Konkurrenz steht unter großem Druck zur Restrukturierung", warnte Hu Sheng-Cheng, der Direktor des Wirtschaftsinstituts Academia Sinica in Taipeh, schon im vergangenen Jahr. "Sie werden gestärkt aus der Krise hervorgehen. Unsere Regierung dagegen tut nicht genug." Eigentlich paradox: Während sich die Wachstumseinbußen in der Region im ersten Jahr nach dem Währungscrash zwischen minus 7 und minus 13 Prozent bewegten, verzeichnete Taiwan gerade mal Stagnation.

Aber dann: 2001 erlebte die Insel das schlechteste Jahr seit Staatsgründung. Auch Hongkong und Singapur haben Reparaturbedarf. Werden die Katastrophenschützer von Währungsfonds und Weltbank nun wieder nach Asien eilen müssen - diesmal mit anderen Zielflughäfen?

Sie sollten noch nicht buchen. Die zweite Krise in der Region ähnelt zwar der ersten - allerdings nur in den Symptomen: Taiwan muss einige Banken sanieren, Hongkong leidet seit der Übergabe an China unter einer Immobilienbaisse, Singapur will weg von staatsnahen Großkonzernen hin zu mehr Unternehmertum. Und alle jammern über zu wenig Wachstum. Doch die Ursachen dafür unterscheiden sich von denen vor fünf Jahren. Die gleichen Rezepte zu ihrer Lösung anzuwenden hieße, Wechseljahrsbeschwerden wie eine Pubertätsohnmacht zu behandeln. Thailand, Malaysia und Indonesien stolperten 1997, weil sie zu schnell zu viel erreichen wollten und mit dem Wachstum nicht fertig wurden. Ganz anders bei den Tigern der ersten Stunde: Taiwan, Hongkong und Singapur sind viel weiter entwickelt - und genau das macht ihnen derzeit zu schaffen.

Der IWF kann zu Hause bleiben

Auf die Hilfe des Währungsfonds sind sie zumindest nicht angewiesen. Singapur besitzt weltweit die höchsten Devisenreserven, auch Taiwan und Hongkong sitzen auf komfortablen Polstern. Jahrelang verdienten sie Devisen mit Chips, Kameras und Handys. Ihre Volkswirtschaften sind auf High Tech gebaut. Das machte sich in der Hochzeit der New Economy bezahlt, wurde allerdings im vergangenen Sommer, als der weltweite Boom in sich zusammenstürzte, zum Problem. Die Krisenländer von 1997 waren da besser dran, weil sie mit ihrer Spezialisierung noch nicht ganz so fortgeschritten waren. Einen weiteren Faktor im innerasiatischen Wettbewerb nennt Rainer Schweickert vom Kieler Institut für Weltwirtschaft: "Die menschliche Arbeitskraft kostet in diesen Ländern einfach noch weniger, und die Währungsabwertungen nach der Krise verstärkten diesen Vorteil."

Im Vergleich dazu sind die Tigerländer der ersten Generation schon relativ teure Standorte. Die Probleme von Singapur, Hongkong und Taiwan ähneln eher denen westlicher Staaten als denen ihrer Nachbarn. Wenn sie vorwärts kommen wollen, müssen sie das Schrauben und Montieren anderen überlassen und sich aufs Erfinden und Vermarkten konzentrieren. Beispiel Taiwan: Das Land ist von Mittelständlern und Tüftlern geprägt, fast so wie der deutsche Südwesten. Mit einem Unterschied: Die weltbekannten Markennamen fehlen. Lange Zeit kannten nur Fachleute Firmen wie die Acer-Gruppe, unter deren Dach weltweit die meisten Computer gebaut werden; die Taiwan Semiconductor Manufactoring Company, den größten Chip-Produzent der Welt; oder Premier Image, ein Unternehmen, das einen Großteil der Kameras herstellt, die rund um den Globus verkauft werden.

Doch das soll sich ändern. Wegen schwindender Margen beschloss Acer-Chef Stan Shih vor einem Jahr, die Zukunft seines Konzerns gehöre der Forschung. Acer lagert die Produktion aus. Produziert wird vor allem in China. Diese Entscheidung des einflussreichen Unternehmers kam einem Dammbruch gleich. Er verkündete laut, was viele Insulaner vorher nur heimlich taten: aufs Festland umziehen. Seit der Revolution 1949 liegen Taiwan und die Volksrepublik im Bruderzwist. Den Industriellen der Insel war es deshalb untersagt, sich auf dem kommunistischen Festland zu engagieren. Zum Jahreswechsel endlich lockerte Taipeh das Verbot.

Nun wird die Insel zum offiziellen Versuchslabor für den Umgang mit China. Es lockt ein Markt mit Millionen Kunden und billigen Arbeitskräften. Was aber, wenn das Experiment misslingt? Wenn das hilfsbedürftige China den Taiwanesen plötzlich Konkurrenz macht? Dann hätte die Insel mit dem Umzug der Fabriken seinen ökonomischen Abstieg eingeläutet.

Viele Investoren aus dem Westen scheiterten in China, verloren Geld, Reputation und geistiges Eigentum. Die Taiwanesen trauen sich mehr zu, der gemeinsamen Wurzeln wegen, und weil sie selbst an der verlängerten Werkbank anfingen. Aber sie sind auch abhängiger vom Erfolg als westliche Investoren vor ihnen. Vom Festland erhofft sich Taiwan eine Frischzellenkur, die Rückkehr zu Wachstumsraten weit über jene drei Prozent, die für dieses Jahr vorhergesagt werden. Die Nachbarn verfolgen das Experiment voller Spannung. Misslingt es, das wissen alle, würde sich die Region von dieser Art Asienkrise weniger schnell erholen.

 
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