Gespaltene Schulbank

Auch Belgien wird von der Pisa-Studie entzweit: Die Flamen sind Weltspitze. Und die Wallonen die Kellerkinder

Die Brüsseler Tageszeitung Le Soir war entsetzt: "Welch desaströses Ergebnis"; den Bildungsminister befielen Albträume. De Standaard dagegen jubelte: "Weltklasse". Nüchtern betrachtet, belegt Belgien in der internationalen Pisa-Studie einen Platz im oberen Mittelfeld, irgendwo zwischen Frankreich und Österreich, aber weit vor Deutschland. Doch warum frohlocken die Belgier dann - und sind gleichzeitg zu Tode betrübt?

Die unterschiedlichen Kommentare sind eigentlich auf zwei Länder gemünzt. Denn in Sachen Schule - wie auch sonst im Alltag - ist das Königreich Belgien zweigeteilt: in die französische und niederländische Sprachgemeinschaft. Und wie die internationale Pisa-Studie offenbarte, geht der tiefe Riss offenbar quer durch die gesamtbelgische Schulbank.

Freuen dürfen sich nur die niederländisch sprechenden Flamen: Platz drei in den Pisa-Disziplinen Lektüre (nur die jungen Finnen und Kanadier lesen besser) und Mathematik, dort gleich hinter Japan und Korea, somit auf dem Rang des Europameisters. Auch bei den Naturwissenschaften belegen die Flamen immerhin Rang acht, was allemal weit über dem Durchschnitt der 32 westlichen Wirtschaftsnationen liegt, die in der Studie erfasst wurden. Und die französischsprachigen Belgier in Wallonien und Brüssel? Abgeschlagen auf den hinteren Rängen, so schwach und schlecht wie die Deutschen.

Dabei gehen alle jungen Belgier auf eine Ganztagsschule und schwitzen am Abend noch über ihren Hausaufgaben. Außerdem wird in ganz Belgien über eine bescheidene bis mangelhafte Lehrerausbildung geklagt. Ist klüger, wer auf Niederländisch liest und rechnet, und weshalb sollte dümmer sein, wer das in Französisch tut? Wie kommt es, dass die Wallonen mit ihrer überaus bescheidenen Vorstellung - ob beim Lesen, Schreiben, Rechnen - den Deutschen näher stehen als den Flamen?

Die Gründe sieht Dominique Lafontaine, Leiterin der Pisa-Studie im französischsprachigen Belgien, zunächst in Ähnlichkeiten zwischen den Schulsystemen. In Deutschland wie im französischen Teil Belgiens gebe es beträchtliche Unterschiede von Schule zu Schule, in beiden Ländern sei die soziale Segregation an Schulen besonders ausgeprägt, sagt die Pädagogikprofessorin von der Universität Lüttich: "Deutschland wie Wallonien weisen einen hohen Prozentsatz an Sitzenbleibern auf, in beiden Systemen wird früh über den künftigen Schulzweig entschieden und das gesamte System stark aufgefächert."

Trotz aller Unterschiede zwischen beiden Systemen - in ganz Belgien existiert ein gut entwickeltes Vorschulsystem - gibt es weitere Parallelen. So setzt das wallonische genau wie das deutsche Schulsystem voraus, dass am Ende der Grundschule alle Kinder lesen können. "Später hört man mit der Schulung im Lesen einfach auf", klagt Lafontaine, "bei uns gibt man den schwachen Schülern also weniger Gelegenheit, das Erlernte zu vertiefen oder den Abstand zu verringern."

Ist der Erfolg katholisch?

Gute wie schlechte Schüler gebe es in allen Nationen, sagt Dominique Lafontaine: Leider sei jedoch die Verteilung zwischen Guten und Schlechten in Flandern und Wallonien sehr verschieden - und wiederum zwischen deutschen und wallonischen Schülern viel ähnlicher. "So sind wir im Durchschnitt schwach, weil eine große Gruppe schwach abschneidet", resümiert die Lütticher Forscherin.

Und Flanderns Erfolgsgeschichte? Eine zwingende Erklärung hat niemand zur Hand. Einige Ingredienzien für das Erfolgsrezept des niederländischen Teils Belgiens lassen sich indessen finden: Flandern hat nur vier Prozent Migranten, Wallonien 13 Prozent. In Flandern sind drei von vier Schulen katholisch, in Wallonien ist es nur jede zweite. Flämische, katholische Schulen halten auf Tradition, womit nicht nur das ehrwürdige Alter mancher Jesuitengründung gemeint ist. Am Sint Jozef Kleinseminarie in Sint Niklas etwa, das sich nach der Pisa-Studie dank einer Indiskretion als beste Schule Flanderns in allen drei Disziplinen fühlen darf, wird jedem Schüler ein Stützkurs angeboten, wenn die Zwischenzeugnisse ihn in Schwierigkeiten sehen. Und die Eltern erhalten Tipps, wie sie ihrem Kind am späten Nachmittag zu Hause weiterhelfen können.

Zwar fehlt in ganz Belgien eine systematische Lehrerausbildung. "Dafür reicht ein kurzes Praktikum", sagt der Antwerpener Sprachwissenschaftler Hans-Werner am Zehnhoff. Dennoch bilden die Traditionsschulen Flanderns nicht nur ihre Schüler, sondern auch ihre Lehrer besser fort, nach dem Rezept Ehrgeiz durch beiderseitiges Engagement. Ebenso legen sie mehr Wert auf Strenge und Zuwendung: Das macht den Stolz einer Schule aus, die historisch betrachtet den Wandel vom bäuerischen, "ungebildeten" Flandern der Vorkriegszeit zu einer der stärksten Wirtschaftszonen Westeuropas beförderte.

Die Politik dürfte für die Leistungsunterschiede in beiden Landeshälften mitverantwortlich sein. Der flämischen Gemeinschaft genügt ein Bildungsminister, in Wallonien braucht es deren gleich drei, aus Koalitionskalkül. Luc van der Poele von der Universität Gent, der für Flandern die Pisa-Studie erarbeitete, erinnert an die lange Amtszeit des flämischen Bildungsministers Luc van den Bossche, der auf Einhaltung der täglichen Stunden pochte: "Ein Schultag ist ein Schultag, egal, ob Anfang Januar oder vor den Prüfungen im Juni" - ein Motto, das viele Niederländer in den Grenzregionen heute schätzen: Sie schicken ihre Kinder gen Süden, raus aus der Bildungsmisere, in der viele Holländer ihr eigenes Land versinken sehen.

"Vielleicht erleben wir jetzt in Wallonien erstmals, dass man ein schlechtes Ergebnis nicht einfach als ‰umstritten' abtut", hofft Dominique Lafontaine. Die Pisa-Forscherin klagt allerdings auch: "Wenn ein so mieses Resultat in Flandern bekannt geworden wäre, hätte man dort längst die Ärmel hochgekrempelt und sich an eine Reform gemacht."

Die große Bildungsdiskussion bleibt in Belgien allerdings bislang aus: weil die einen so gut sind, dass ihnen an Verbesserungen wenig einfällt, und die anderen so schlecht, dass sie lieber betreten schweigen. Jeder in seiner Sprache.

 
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