Aufgeben oder durchhalten?
Der erste Roman von Madeleine Bourdouxhe macht viele große Worte
Unter den Sternen zweiter Größe, die man in den vergangenen Jahren für uns entdeckt hat und die umgehend zu solchen erster Größe erklärt wurden - ich nenne James Salter, Paula Fox, Sandor Márai - ist auch der eine oder andere, der vielleicht nur solchen dritter Größe zuzurechnen ist. Dazu zählt wohl auch diese Autorin mit dem unaussprechlichen Namen: Madeleine Bourdouxhe (man sagt wohl "Burdux") aus Belgien, 1906 auf die Welt gekommen, die sie nach knapp 90 Jahren wieder verlassen hat.
Vier Bücher waren bislang von ihr auf Deutsch erschienen, dies ist das fünfte und erste zugleich: Bourdouxhe hat es - ich zitiere das Nachwort - 1935 fertig gehabt und dann in die Schublade gelegt, wo es bis zu dieser deutschen Übersetzung unpubliziert geblieben ist. Der Originaltitel lautet übrigens Vacances, den man nun so halb und halb übersetzt hat: Vacances. Die letzten großen Ferien. Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist nahezu keine: Eine Hand voll junger Leute, die Schülerinnen 17, die Studenten Anfang 20, in einer Stadt, die nicht Paris heißt, wollen leben. Aber wie? Familie, Schule, Hörsaal einerseits, andererseits die gemeinsamen Stunden im Café. Es ist ein Leben in den Tag hinein und bald auch in die Nacht, um vom Leben etwas zu erwischen, das mehr ist, als die kleinbürgerliche Welt zu bieten hat, wenige Jahre nach dem ersten großen Krieg, irgendwo in Belgien. Übrigens heißt das Café, in dem man sich da trifft, ausgerechnet Diable au Corps: Hommage an den Titel eines der beiden Romane von Raymond Radiguet, den Bourdouxhe gewiss gekannt und dessen Höhe sie ebenso gewiss nicht erreicht hat.
"Wir haben ja nur Spaß gemacht", heißt es, wenn einer von den jungen Leuten spürt, dass gerade der Spaß aufhören könnte - natürlich ist es dann so weit, wenn die Sexualität ins Spiel kommt. In ihr konzentriert sich alle Erwartung.
Zwischen Rollenspiel und kleinen Überwältigungen sucht jeder seinen Weg. Arme Françoise: Erst umarmt sie sich selbst ("die Dunkelheit, eine erstaunliche Komplizin"), dann ihre Freundin Thérèse ("mit einer Intensität, die alles andere als rein freundschaftlich ist") und dann Jean, den sie liebt trotz seiner zu kleinen grauen Augen und trotz seiner Verantwortungslosigkeit, die noch größer ist als ihre eigene (ausgerechnet hier fehlen laut Nachwort aparterweise ein paar Seiten, die die erste Nacht der beiden beschrieben hätten, und das ist gut so).
Françoise wird schwanger und bleibt es, auch als sie meint, etwas dagegen getan zu haben. Da wird es plötzlich ernst, aber ganz anders ernst, als sie sich das immer gedacht hatten, anders sogar als bei ihrem Freund Daniel, der ein großer Komponist werden wollte, aber mit seinem eigenen Anspruch nicht leben konnte und sich umbrachte. Da zieht sich - wenn man das so sagen darf - auch diesem kleinen Roman das noch kleinere Herz zusammen, ja, man hört eine Weile, wie's klopft. Am Ende ist es eine Fehlgeburt, so wird der Schmerz konkret, und die Erfahrung mischt das Erlittene mit dem Getanen, das erst als Erinnerung wieder genau wird: "Françoise, noch immer geschwächt, blieb eine Weile still liegen, ohne ein Wort zu sagen. Sie erinnerte sich in allen Einzelheiten an dieses warme, blutige kleine Päckchen zwischen ihren Beinen.
(Sie hatten es vergraben, wie ein Junges, das aus dem Nest gefallen war - ein diskretes und erbärmliches Ende eines kleinen Dramas, das kein großes Aufsehen erregt hat.)."
Seltsam: Es gibt tatsächlich Bücher, die nicht sehr viel können, nicht einmal viel wollen und die doch auf ihrer kleinen Welt beharren mit einer derart entwaffnenden Insistenz, dass man seinen Widerstand nach einiger Zeit einfach aufgibt (oder das ganze Buch). Man weiß, dass es in keiner Hinsicht bedeutend ist, was man da liest, über Strecken so tief wie flach, und doch mit allen Zeichen versehen, die an die Jahre erinnern, als Sehnsucht ein Tagesgefühl und Welterklärung das Selbstverständlichste war. Wir kennen das, es ist der pathetische Charme gewisser Chansons: etwas ärmlich instrumentiert, etwas bescheiden in der Melodie, aber durchaus erfolgreich in dem Bemühen zu erreichen, was es sich vorgenommen hat: im Hörer/Leser einen kleinen Seufzer hervorzulocken, nachdem sie/er die großen Wörter womöglich ein wenig mitgesummt hat.
- Datum 27.06.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27/2002
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