Das Regal von Winfried Winter ist nicht groß, aber es hat genug Platz für den Glacier-Express. Eigentlich eine Strecke von 291 Kilometern, von Sankt Moritz nach Zermatt. Winter besitzt sie auf sechs VHS-Kassetten. 18 Stunden immer nur dasselbe. Der 64-jährige ehemalige Zugführer ist leidenschaftlicher Fan der Schönsten Bahnstrecken Europas, des Nachtprogramms der ARD.

Seit 1995 schickt das Erste eine Kamera an den Vorderfenstern europäischer Züge auf die Reise und sendet die Streckenaufnahmen zu später Stunde - unvertont und unkommentiert. Begonnen hat Winfried Winters Begeisterung für die tollen Panoramaaufnahmen mit seiner Pensionierung. Nach 43 Berufsjahren hat er derart präzise Ortskenntnisse, dass er sogar bemerkt, wenn der produzierende Sender Freies Berlin (SFB) einen Streckenabschnitt unterschlägt. Den habe ich mir dann auf Kassette nachbestellt, erklärt er.

Zum Glück sieht sich auch seine Frau das Zuggezuckel gern an, obwohl das nicht bedeutet, dass das Ehepaar Winter jeden Morgen gegen vier Uhr aufsteht, um vor dem Fernseher romantische Stunden aus der Cockpit-Sicht zu simulieren.

Nur manchmal schaue er nachts zu, meint Winter. Wenn der Videorekorder kaputt ist.

Nichts zu zeigen - das kann sich heute kein Sender mehr leisten

Winfried Winter ist nicht allein mit seiner Begeisterung. Die Führerstandsmitfahrten der ARD gehören mit bis zu 90 000 Zuschauer zu den erfolgreicheren Nachtsendungen. Kein Wunder, dass die Programmplanung regelmäßig mit Zuschauerwünschen konfrontiert wird. Etwa, wann die Freiburger Höllentalbahn mal wieder läuft.

Die ARD ist aber nicht der einzige Sender, der des Nachts auf ungekürzte Verkehrsmittelprosa setzt: Der SFB bietet in seinem eigenen Programm die großstädtische Alternative zu den Bahnstrecken und installiert Kameras in S-Bahn-Führerkabinen. Das ZDF überträgt das Prinzip auf Landstraßen und zeigt in Straßenfeger Aufnahmen aus fahrenden Autos. Auch der ORB kultiviert die Monotonie. Allerdings im Tierreich. Vor zehn Jahren waren die Potsdamer so einfallsreich und verwandelten den Bildschirm in ein Aquarium. Der feucht-fröhliche Fischfigurentanz wurde zur späten Stunde mit sanften Klängen unterlegt.