Journalismus Selbstmord aus Angst vor dem Tod
Der Hamburger Journalistikprofessor Siegfried Weischenberg über Redaktionen als Profit-Center und andere Spielarten der Ökonomisierung
die zeit: Professor Weischenberg, was halten Sie eigentlich von den Klagen vieler Verleger, ihre wirtschaftliche Lage sei bedrohlich?
Siegfried Weischenberg: Sie sind insofern berechtigt, als es den Tageszeitungen deutlich schlechter geht als vor zwei Jahren. Aber auch wenn einige Fachleute vom größten Einbruch auf den Anzeigenmärkten in der Geschichte der Bundesrepublik sprechen - die Verleger klagen auf einem recht hohen Niveau, ich würde sagen, bei den meisten handelt es sich um eine Normalisierung nach einem Hype. Gleichzeitig gibt es natürlich eine Reihe von Zeitungen, vor allen Dingen im Regionalen und Lokalen, die sehr stark unter dem Anzeigenrückgang leiden. Bei denen ist die Substanz einfach geringer.
zeit: Trifft es einzelne Regionen besonders?
Weischenberg: Ja, es wird immer die Zeitungen in den Regionen besonders treffen, wo das Anzeigenaufkommen ohnehin schwach ist.
zeit: Also reden wir vor allem über Ostdeutschland?
Weischenberg: Ja, nehmen Sie zum Beispiel den Nordkurier, der gerade etwa 100 Mitarbeiter entlassen hat. In meinen Augen ist das ein Weg, der die Existenz einer kleinen Zeitung gefährdet ohne qualifizierte Redakteure kann ich keine Zeitung machen, sonst werde ich in der Medienkonkurrenz nicht dauerhaft überleben.
zeit: Ökonomisch war vieles, was die Verlage in den Zeiten des Anzeigenbooms ausprobiert haben, ein Reinfall.
Weischenberg: Das stimmt, aber für den Leser war es dafür eine echte Freude.
Bei der FAZ etwa genieße ich, wie im Feuilleton unterschiedliche Meinungen ins Blatt gelangen. Die FAZ war ja politisch lange Zeit recht eindimensional, und gerade da hat das Feuilleton die Zeitung verändert.
zeit: Wie sehen Sie das, was die FAZ jetzt macht?
Weischenberg: Es sieht aus wie eine Vollbremsung. Holtzbrinck macht, um in diesem Bild zu bleiben, eine recht starke Bremsung, bei Springer ist es genauso, und selbst die Süddeutsche Zeitung stellt ihre Überlegungen an.
zeit: Was verstehen Sie eigentlich unter Qualitätsjournalismus?
Weischenberg: Das ist die Eine-Million-Euro-Frage. Ich verstehe unter Qualitätsjournalismus zunächst mal keinen allgemein gültigen Maßstab für den Journalismus. Bis zu einem gewissen Grad wird gute Qualität mit hohen ethischen Maßstäben gleichgesetzt. Aber es ist natürlich noch mehr. Es ist gebunden an die Autonomie des Personals, es bedeutet letztlich, Medien zu machen, die nicht ausschließlich von Reichweite und Quote bestimmt werden.
zeit: Laut Tucholsky ist es das Schönste für einen deutschen Journalisten, bei den Mächtigen am Tisch zu sitzen. Heute gibt es Journalistenreisen, Sommerfeste, ein Tête-à-Tête beim Vorstandsvorsitzenden am Wohnzimmertisch ...
Weischenberg: Es gibt bestimmte Bereiche im Journalismus, wo das besonders virulent ist, dazu gehört der Auto-, der Reise- und auch ein Teil des Sport- sowie des Wirtschaftsjournalismus. Es ist Teil einer um sich greifenden Ökonomisierung. Dort geht es um Reichweite als Maß aller Dinge, den persönlichen Erfolg als Maß aller Dinge, und dafür werden Grenzen überschritten. Man paktiert etwa mit den Mächtigen und erhofft sich davon bestimmte Vorteile. Die genannten Bereiche des Journalismus sind stärker gefährdet als andere.
Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass sich der politische Journalismus in der Berliner Republik in die andere Richtung entwickelt. Er ist respektloser geworden als zu Bonner Zeiten. Das ist ganz ambivalent. Einerseits haben sie die "Meute" und ihre Hysterie, dazu teilweise unterirdische Formen von Journalismus, zum Beispiel bei jüngeren Leuten von Privatradios. Andererseits gibt es aber auch weniger Kumpanei zwischen Journalisten und Politikern.
zeit: Können Sie etwas genauer sagen, was Sie mit der totalen Ökonomisierung meinen?
Weischenberg: Es gibt eine Universalisierung des Marktes, mit allem, was dazugehört. Nehmen Sie etwa die Sächsische Zeitung in Dresden. Dort hat der Verlag Gruner + Jahr versucht, Lokalredaktionen als Profit-Center zu organisieren. Wer wie ich aus dem Lokaljournalismus kommt, weiß, wie schmal der Grad zwischen redaktionellem Arbeiten, redaktioneller Freiheit und redaktioneller Abhängigkeit von Anzeigenkunden ist. Wenn man eine Redaktion nun so organisiert, wie es bei der Sächsischen Zeitung versucht wurde, fallen alle Schranken. Man koppelt die Gehälter der Redakteure direkt an den wirtschaftlichen Erfolg und stellt die ursprüngliche Idee von Journalismus absolut infrage. Deshalb habe ich das für einen besonders skandalösen Fall gehalten.
zeit: Was empfehlen Sie den Chefredakteuren und Verlegern in der jetzigen Krise?
Weischenberg: Ich denke, die Leute, die für Tageszeitungen verantwortlich sind, müssen sich darüber im Klaren sein, dass ihre Blätter ein gefährdetes Medium sind. In der zunehmenden Konkurrenzsituation müssen sie sich noch stärker als bisher ihrer Funktion, anders ausgedrückt, ihrer Marktlücke bewusst werden. Sie dürfen nicht versuchen, mit Online-Medien zu konkurrieren oder mit den so genannten elektronischen Medien in puncto Aktualität, sondern sich sehr viel stärker auf Hintergründe, Aufklärung und bestimmte Service-Geschichten konzentrieren. Das kostet natürlich Geld, man muss in die Redaktion und die Recherche investieren. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten gerät ein Verleger damit zwar in ein Dilemma. Aber ich glaube, es ist nicht aufzulösen, indem er spart, spart und noch mal spart, um seine wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Geschieht das, würden die Tageszeitungen aus Angst vor dem Tode Selbstmord begehen.
Die Fragen stellte Götz Hamann
- Datum 31.10.2007 - 13:14 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27/2002
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