Journalismus Selbstmord aus Angst vor dem TodSeite 3/3

zeit: Können Sie etwas genauer sagen, was Sie mit der totalen Ökonomisierung meinen?

Weischenberg: Es gibt eine Universalisierung des Marktes, mit allem, was dazugehört. Nehmen Sie etwa die Sächsische Zeitung in Dresden. Dort hat der Verlag Gruner + Jahr versucht, Lokalredaktionen als Profit-Center zu organisieren. Wer wie ich aus dem Lokaljournalismus kommt, weiß, wie schmal der Grad zwischen redaktionellem Arbeiten, redaktioneller Freiheit und redaktioneller Abhängigkeit von Anzeigenkunden ist. Wenn man eine Redaktion nun so organisiert, wie es bei der Sächsischen Zeitung versucht wurde, fallen alle Schranken. Man koppelt die Gehälter der Redakteure direkt an den wirtschaftlichen Erfolg und stellt die ursprüngliche Idee von Journalismus absolut infrage. Deshalb habe ich das für einen besonders skandalösen Fall gehalten.

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zeit: Was empfehlen Sie den Chefredakteuren und Verlegern in der jetzigen Krise?

Weischenberg: Ich denke, die Leute, die für Tageszeitungen verantwortlich sind, müssen sich darüber im Klaren sein, dass ihre Blätter ein gefährdetes Medium sind. In der zunehmenden Konkurrenzsituation müssen sie sich noch stärker als bisher ihrer Funktion, anders ausgedrückt, ihrer Marktlücke bewusst werden. Sie dürfen nicht versuchen, mit Online-Medien zu konkurrieren oder mit den so genannten elektronischen Medien in puncto Aktualität, sondern sich sehr viel stärker auf Hintergründe, Aufklärung und bestimmte Service-Geschichten konzentrieren. Das kostet natürlich Geld, man muss in die Redaktion und die Recherche investieren. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten gerät ein Verleger damit zwar in ein Dilemma. Aber ich glaube, es ist nicht aufzulösen, indem er spart, spart und noch mal spart, um seine wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Geschieht das, würden die Tageszeitungen aus Angst vor dem Tode Selbstmord begehen.

Die Fragen stellte Götz Hamann

 
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