Was man in Masar alles findet
Während des Afghanistan-Feldzugs gab es in Masar-i-Scharif ein Massaker. Zeugen sagen, US-Soldaten hätten daran mitgewirkt. Ein Beweis ist das noch nicht. Eine Spurensuche Von Giuliana Sgrena und Ulrich Ladurner
Masar-i-Scharif
Es ist ein windiger Tag. Sand wirbelt durch die Luft und macht die Augen blind - als wollte die Wüste Dascht-i-Laili ihre Geheimnisse vor den Besuchern verbergen. Hier, eine knappe halbe Autostunde von der Stadt Schebargan entfernt, soll sich ein Massengrab befinden
ein Grab, das dem Westen zur Schande gereichen könnte.
Kamelreiter, die aus dem Nichts auftauchen, weisen uns schließlich den Weg.
Sie zeigen auf einen Streifen Sand, der sich auf den ersten Blick durch nichts von einer Düne unterscheidet. Erst bei näherem Betrachten ist zu erkennen, dass hier kein Busch und kein Strauch mehr stehen, wie sie sonst in dieser Wüste zahlreich sind. Die Spuren von schweren Fahrzeugen, wahrscheinlich Baggern, haben sich tief eingegraben. Sie sind herangefahren, um die Toten vom Dezember 2001 zu begraben, nachdem sich die Einwohner des nahe liegenden Dorfes Pul Korasan über den unerträglichen Verwesungsgestank beklagt hatten.
Anfang Mai wurde die Erde noch einmal umgegraben. Diesmal von einer Untersuchungskomission der UN, darunter zwei Gerichtsmediziner. In einer Tiefe von eineinhalb Metern fand die Kommission 18 Leichen. Drei wurden zur Autopsie abtransportiert. Das Ergebnis ist noch nicht veröffentlicht, aber nach Angaben von Manoel de Almeida de Silva, des UN-Sprechers in Afghanistan, steht eines fest: Die Toten gehörten zum Volk der Paschtunen, die mehrheitlich die Taliban stellten. Körperphysiognomie, Kleidung und Turbane ließen diesen Schluss zu, sagt de Silva. Als wollte der Wind diese Aussage unterstreichen, wirbelt er Stofffetzen hoch, schwarzen Stoff. Schwarz waren die Turbane der Männer, die mindestens vier Jahre eine religiöse Schule, eine Madrassa, besucht haben oder Sajed waren, Nachkommen des Propheten Mohammed.
Die schwarze Farbe war auch das Symbol der Taliban.
"Warum sollten wir uns über ein Massaker wundern?"
Ein Bewohner des Dorfes Pul Korasan gibt bereitwillig Auskunft über die Geschehnisse. Er soll hier Mir heißen, da er aus offensichtlichen Gründen seinen wahren Namen nicht preisgeben will.
"Ich habe mindestens 13 Container gezählt. Sie wurden auf Lastwagen transportiert. Es war Tag, als sie ankamen." - "Wann war das?" - "Gleich nach der Schlacht von Konduz." (Im Dezember 2001, Anm. d. Red.) - "Können Sie sagen, wie diese Menschen umgekommen sind?" - "Uns sagte man, sie seien in den Containern erstickt. Aber einige Container waren mit Blut befleckt."
Während Mir dies erzählt, kommen zwei Kameltreiber hinzu. Sie berichten, dass sie im selben Zeitraum Männer mit hinter dem Rücken verbundenen Händen gesehen hätten. Sie seien nicht sehr weit von hier erschossen und dann begraben worden.
"Waren es Afghanen?" - "Nein, es waren Pakistani, Tschetschenen und Araber."
- "Wer hat sie erschossen?" - "Die Soldaten des Usbeken Generals Raschid Dostum. Aber auch Amerikaner waren anwesend!"
Wir fragen nach. Keiner äußert Zweifel an der Beteiligung der Amerikaner.
Zweifel darüber gibt es nicht einmal an höherer Stelle. "Warum sollten wir uns darüber wundern? Die Amerikaner führen die Antiterrorkampagne an. Sie sind auch für die Folgen verantwortlich, ganz gleich, ob sie direkt an einzelnen Taten beteiligt sind oder nicht", sagt ein UN-Beamter in Masar-i-Scharif. Auch er will seinen Namen nicht nennen.
Aber wofür genau sollen die Amerikaner verantwortlich sein? Was ist in Masar-i-Scharif im Dezember vergangenen Jahres wirklich geschehen?
Fest steht Folgendes: Nachdem die mit den Amerikanern verbündeten Truppen der Nordallianz bis nach Kabul vorgedrungen waren, hatten sich die Taliban - darunter viele Araber, wie hier alle ausländischen Anhänger von Osama bin Ladens al-Qaida genannt werden - in der Stadt Konduz zum Widerstand entschlossen. Nach tagelangen Kämpfen ergaben sich rund 5000 Taliban.
Zwischen 500 bis 800 (die Angaben variieren je nach Quelle) wurden als Gefangene nach Masar-i-Scharif gebracht, in die Festung des berüchtigten Usbekengenerals Raschid Dostum, die Qala-i-Janghi genannt wird.
Die aus dem 19. Jahrhundert stammende Festung steht rund 20 Kilometer von Masar-i-Scharif entfernt. Umgeben von einer rund einen Kilometer langen meterhohen Mauer und geschützt von einem Graben ist sie ein imposanter Anblick inmitten der Wüste. In einem der Gebäude im Inneren, einem Flachbau, der normalerweise als Lagerhaus dient, wurden die Gefangenen eingesperrt. Man kann, auf der Umfassungsmauer stehend, noch die Krater sehen, die von den Bomben amerikanischer Flieger aufgerissen wurden. In der Festung anwesende US-Soldaten hatten damals Bomber vom Typ AC-130 und Black Hawk zu Hilfe gerufen, um, wie es hieß, einen bewaffneten Gefangenenaufstand niederzuschlagen.
Wie waren die Gefangenen zu den Waffen gekommen? "Als die Taliban hierher gebracht wurden, war es bereits Abend. Es waren rund 500. Wir haben ihnen die Waffen abgenommen", sagt General Scheja al-Din, einer der Verantwortlichen für die Sicherheit in Masar, "aber erst später haben wir entdeckt, dass einige Handgranaten am Körper trugen. Drei Gefangene haben sich am selben Abend in die Luft gejagt. Auch einer unserer Generäle ist umgekommen. Am Tag darauf versuchten wir, sie in kleine Gruppen aufzuteilen, dabei sind unsere Soldaten attackiert worden. Der Kampf begann."
Diese grausame Schlacht haben Fernsehstationen live in alle Welt übertragen - es waren einige der wenigen Bilder, die zeigten, was der Krieg in Afghanistan wirklich war. Nach Angaben von General Scheja al-Din kamen dabei 80 eigene Leute um. Es starb auch ein im Gefängnis anwesender CIA-Agent. Von den Gefangenen überlebten nur 86.
Haq Mohammed ist einer der Offiziere, die für den Zugang zur Festung verantwortlich sind. "Die Gefangenen haben das Waffendepot in ihre Hand bekommen", sagt Haq Mohammed und zeigt ein Lager, das knapp hinter dem Bau steht, in dem die Taliban untergebracht waren. "Normalerweise werden hier niemals Gefangene untergebracht. Auch heute nicht." Der Offizier lässt durchblicken, dass er die Einkerkerung in diesem Haus zumindest als Fahrlässigkeit betrachtet. "Das Kommando führten damals General Raschid Dostum und fünf amerikanische Offiziere."
Die 86 Überlebenden des Aufstandes sind weggebracht worden, wohin, weiß niemand. Die Toten hingegen hat man in den Massengräbern rund um Masar-i-Scharif verscharrt. Von 5000 in Konduz gefassten Taliban kam aber nur ein kleiner Teil in Qalal-i-Janghi an. Die meisten transportierte man in das Gefängnis der Stadt Scheberghan rund 150 Kilometer entfernt - zu je 300 in jedem Container. Das Problem ist, dass von den rund 5000 Gefangenen nur 3400 in Scheberghan angekommen sind. Das ist die offizielle Zahl, die der Direktor des Gefängnisses, General Akhtar Mohammed, angibt. John Hefferman und Jennifer Lessing, die beiden Autoren eines Untersuchungsberichtes der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Physicians for Human Rights, sprechen sogar nur von 3000 Gefangenen in Scheberghan. Wenn man von den 5000 jene 3000 bis 3400 und die rund 600 Toten aus dem Gefängnis von Qala-i-Janghi abzieht, bleibt die Frage: Was ist mit den mindestens 1000 übrigen Taliban geschehen?
Es ist nicht schwierig, in Scheberghan Menschen zu finden, die von den Ereignissen in der Wüste Dascht-i-Laili erzählen können. Sie berichten ohne große Aufregung von Exekutionen und in Containern erstickten Taliban. Niemand aber will das Geschehene zur Anzeige bringen, zum Beispiel bei der lokalen Vertretung der UN. Ist es die Angst vor dem grausamen Usbekengeneral Raschid Dostum, dem Herrscher Scheberghans, der sie daran hindert?
Die Wahrheit ist schlichter und erschreckender. Die Menschen in Scheberghan sind sich der Bedeutung und der Schwere ihrer Zeugnisse nicht bewusst. Wie sollten sie auch? Nach 23 Jahren Krieg, nach der sowjetischen Invasion, nach Bürgerkrieg und Terror der Taliban gibt es keinerlei Bewusstsein für die eigenen Rechte, geschweige denn die Regeln des internationalen Rechts. Das einzige Gesetz, das hier anerkannt wird, ist das Gesetz der Rache. Die Menschen hier betrachten die Massaker als gerechte Vergeltung an den Taliban, den Pakistani und den Arabern.
"Dieses Ende der Taliban ist nur gerecht!"
"Warum hätten wir die Erschießungen anzeigen sollen?", fragt Mir, der Zeuge aus dem Dorf Pul Korasan. "Die Taliban haben hier rund 3000 Hazara verscharrt, die nach der Eroberung von Masar-i-Scharif hingeschlachtet wurden. Es ist gerecht, dass sie dasselbe Ende gefunden haben!"
Masar-i-Scharif ist zum Grab der Taliban geworden und das nicht erst seit dem Ende der Kampfhandlungen im Dezember vergangenen Jahres.
Masar-i-Scharif, die weltoffenste unter den Städten des Landes, war für die religiösen Fanatiker der Taliban lange Zeit unzugänglich. Im Mai 1997 bot eine innerusbekische Fehde ihnen endlich eine Chance. General Malik hatte sich mit seinem Herrn, Raschid Dostum, überworfen und versprach den Taliban seine Unterstützung. Dostum musste Hals über Kopf aus Masar-i-Scharif flüchten. General Malik wähnte sich am Ziel und hoffte, die Macht mit den Taliban teilen zu können. Doch die Taliban strebten die alleinige Herrschaft an. Es kam zu einem Aufstand, angeführt von der ebenfalls dort ansässigen Volksgruppe der Hazara. Malik gewann die Oberhand, und die Taliban ergriffen die Flucht. Der legendäre, inzwischen bei einem Attentat umgekommene Warlord Schah Achmed Massud versperrte ihnen den Rückzugsweg nach Kabul. 3000 Taliban verschwanden damals in der Wüste Dascht-i-Laili. Es war bis dahin ihre schwerste Niederlage.
Das Grab bei Pul Korasan ist also nur eines von vielen in der Wüste Dascht-i-Laili. Aber es ist das erste in Afghanistan, das zu einem internationalen Fall werden könnte. Die Physicians for Human Rights haben der afghanischen Regierung von Hamid Karsai, der amerikanischen Regierung so wie der UN-Vertretung in Afghanistan im Januar einen 20-seitigen Bericht über die Massengräber übergeben. Sie fordern, die Massengräber zu bewachen, um eine mögliche Verwischung von Spuren zu verhindern. Die UN schloss sich dieser Forderung an. Aber niemand reagierte, bis heute. Weder die Regierung Afghanistans noch die führende Macht im Kampf gegen den Terror: die Vereinigten Staaten.
Diese Gleichgültigkeit und die Sorge, dass die Beweise verschwinden könnten, haben den irischen Dokumentarfilmer Jamie Doran veranlasst, seinen unfertigen Film Massaker in Masar der Öffentlichkeit vorzustellen. Die Aussagen sind so eindrücklich, dass das Europaparlament Anfang Juli darüber debattieren will.
Die USA weisen alle Vorwürfe zurück
Das Verteidigungsministerium in Washington hat offiziell jede Beteiligung an den Massakern dementiert. Auch weist das Pentagon Foltervorwürfe zurück, die in dem Film erhoben werden. So sagt zum Beispiel ein Zeuge aus. "Ich habe gesehen, wie ein amerikanischer Soldat einem Gefangenen das Genick gebrochen hat und einem anderen Säure ins Gesicht geschüttet hat."
Wir sind diesen Vorwürfen nachgegangen, aber haben im Zuge unserer Recherche in Masar-i-Scharif keine solchen direkten Anschuldigungen sammeln können. Wir haben jedoch Menschen getroffen, die die Gefangenen in Scheberghan besuchen konnten. Sie berichteten uns von Gefangenen mit irreversiblen Nervenschäden.
Eine Folge davon, dass man ihnen zu lange die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden habe. Andere hätten unter starken Schmerzen am Rücken gelitten aufgrund der erhaltenen und wohl immer noch verabreichten Schläge.
Fest steht auf jeden Fall: Einige Gefangene - laut John Hefferman von den Physicians for Human Rights waren es 120 - wurden von US Soldaten und CIA- und FBI-Agenten verhört. Mehr weiß man nicht.
In der Festung Qalal-i-Janghi bei Masar gibt es heute fast keine Gefangenen mehr. Wir werden zu einer Reihe von Zellen gebracht, die isoliert in einem Hof stehen. Die Gefangenen sprechen frei und wirken nicht eingeschüchtert durch die Anwesenheit des Gefängnisdirektors.
Sie beschreiben etwas, das in dem allgemeinen Gemetzel und der relativen dünnen Berichterstattung darüber bisher nicht bekannt war, einen Fall von zumindest bemerkenswert rücksichtsloser Kriegsführung: Als die Nordallianz bereits in Masar-i-Scharif eingerückt war, hätten sich mehr als ein halbes Tausend Taliban in der Schule Sultan Rasia verschanzt, im Zentrum der Stadt.
Es seien Pakistani, Tschetschenen und Araber gewesen. Sie hätten erbitterte Gegenwehr geleistet. Auch in diesem Fall sei der Widerstand durch amerikanische Bomben gebrochen worden. Das Ergebnis: 570 Opfer. Die Leichen hat später das Rote Kreuz eingesammelt. Die Bestatter erhielten einen Dollar pro Tag. Die Geschichte von der Schule bestätigt uns Nasrin, eine Aktivistin einer afghanischen Frauenorganisation. Die Toten von Sultan Rasia waren bisher keine Nachrichtenzeile wert.
Und was geschieht mit den vielen Gefangenen in Scheberghan? Der Gefängniskomplex hat gewaltige Ausmaße, zwei Außenmauern umgeben ihn. Hinter der äußeren Mauer sind verschiedene Büros und eine Klinik untergebracht.
Hinter der inneren Mauer hausen die Gefangenen. Das Haupttor zu diesem Teil bleibt uns verschlossen. Vor dem Zimmer des Direktors trinken Wachsoldaten Tee. General Akhtar Mohammed berichtet: "Heute leben hier 1270 Gefangene, darunter 590 Taliban. Wir haben in den vergangenen Monaten jeweils zwei Gruppen von je rund 600 Leuten entlassen. Aber wir hoffen, dass wir bald alle in die Freiheit entlassen können."
Der Direktor gibt ohne Umschweife zu, dass die Bedingungen in seinem Gefängnis äußerst schlecht sind. Die Berichte der Freigelassenen bestätigen dies: Es gab kaum zu essen, die meisten ernährten sich nur von Zuckerwasser, Krankheiten grassierten und Gewalt unter den Gefangenen selbst.
Immerhin haben diese Gefangenen von Scheberghan überlebt, im Gegensatz zu den mindestens 1000, die das Gefängnis nie erreicht haben, den rund 600, die in der Festung Qala-i-Janghi ihr Leben ließen, und den 570 der Schule von Sultan Razia. Dass ein Teil der 1000 Menschen verschwunden ist, ein anderer in den Containern erstickte, steht außer Zweifel. Ob dies aber unter Beteiligung amerikanischer Soldaten geschehen ist, lässt sich nicht zweifelsfrei klären.
Dazu ist mehr erforderlich als ein paar Zeugenaussagen. Der Beweis wird auch nicht erbracht werden können, solange man nicht die Gräber in der Wüste untersucht.
Und solange das nicht geschieht, wird Afghanistan bleiben, wie es ist: Rache wird herrschen. In einem Dorf an den Toren Kabuls töteten die Bewohner während des Rückzuges der Taliban im vergangenen November einen "Araber". Sie verbrannten ihn und hängten ihn an einer Lampe auf. Zur Abschreckung.
Vertreter der UN hatten versucht, den Leichnam abzunehmen und ihn zu bestatten. Das haben die Dorfbewohner verhindert. Die Leiche hängt immer noch.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 27/2002
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