A R G U M E N T Vergesst die Globalisierungsdebatte!

Arme Länder gelangen auf unterschiedlichsten Wegen zu Wohlstand

Von Globalisierung reden heißt ziemlich oft: vom Wetter sprechen. Egal, ob Demonstranten beim G-8-Gipfel in Kanada, Politiker vergangene Woche im Bundestag oder Wissenschaftler auf Konferenzen - sie alle benutzen Metaphern aus der Meteorologie. Der freie Fluss von Gütern und Kapital komme über die Dritte Welt wie ein schrecklicher Wirbelsturm. Oder wie ein rettender Regen nach langer Dürre - je nach Sichtweise. In einem sind sich Globophobe und Globophile einig: Ob die Armen arm bleiben oder reich werden, das hängt vor allem davon ab, ob sie sich gegenüber dem Weltmarkt öffnen. Oder sich vor ihm schützen.

Schaut man auf die Fakten, zeigt sich schnell, dass beide Seiten irren. Das Wetter ist gar nicht so wichtig. Ob ein Entwicklungsland den Sprung zum Industrieland schafft, hat mit der Frage, ob es bereitwillig ausländische Produkte ins Land lässt oder nicht, ob es Zölle und andere Handelsbarrieren auf- oder abbaut, weniger zu tun als oft angenommen. Anders ausgedrückt: Der Einfluss der Globalisierung wird weit übertrieben.

Dabei ist er auf den ersten Blick kaum hoch genug einzuschätzen. In Dutzenden von Studien haben Wissenschaftler belegt, dass Länder, die sich nicht auf ihre eigene Wirtschaft verlassen, sondern mit anderen Ländern Handel treiben, deutlich höhere Wachstumsraten aufweisen. Auf diese Studien verweisen die Anhänger der Globalisierung - und sagen: Seht her, Offenheit schafft Wachstum!

Dabei übersehen sie zwei Dinge: Erstens, die Existenz eines Zusammenhangs sagt nichts über Ursache und Folge. Gute Fußballspieler haben dicke Oberschenkel. Aber spielen sie gut, weil sie viele Muskeln haben, oder haben sie Muskeln, weil sie so viel Fußball spielen? Sind Länder wie Südkorea wirtschaftlich gewachsen, weil sie so viel exportiert haben, oder konnten sie so viel exportieren, weil sie wirtschaftlich gewachsen sind? Selbst der weltweit renommierte Ökonom Jagdish Bhagwati, einer der profiliertesten Verfechter des Freihandels, räumt ein, die Frage der Kausalität sei nicht eindeutig geklärt.

Zweitens, ein hohes Handelsvolumen sagt wenig aus über die ökonomische Offenheit eines Landes. Vietnam zum Beispiel konnte seine Ex- und Importe in den vergangenen Jahren rapide steigern. Aber hat Vietnam seine Handelsbarrieren beseitigt, wie von Anhängern der Globalisierung regelmäßig empfohlen? Keineswegs. Vietnam erschwert die Einfuhr von Agrar- und Industrieprodukten durch hohe Zölle, die den Preis dieser Waren um oft 30 bis 50 Prozent erhöhen. Das Land ist bis heute nicht einmal Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO).

Haiti dagegen hat sich vom Weltmarkt weitgehend abgekoppelt. Das Export- und Importvolumen ist gering. Aber liegt das daran, dass sich Haiti mit hohen Zöllen vor ausländischer Konkurrenz schützt, wie von den Gegnern der Globalisierung befürwortet? Mitnichten. Haiti hat in den vergangenen Jahren seine Zollschranken massiv gesenkt, und es ist Mitglied der WTO.

Haiti und Vietnam - beide Beispiele zeigen: Gegner und Anhänger der Globalisierung reden oft am Thema vorbei. Sie streiten heftig über die Wirkung von Zöllen und Importquoten, von Patentrechten und Arbeitsstandards, von allen möglichen Regularien, die womöglich den Handel fördern oder hemmen könnten. Und übertreiben dabei deren Bedeutung. Vietnam hat zwar wenig liberalisiert. Aber es ist ein Land, das wirtschaftlich an Stärke gewinnt, und solche Länder produzieren Güter, die sie exportieren können. Haiti dagegen hat sich zwar ökonomisch geöffnet, aber das hilft der in Armut gefangenen Nation wenig, weil das Geld fehlt, um irgend etwas zu im- oder exportieren.

Haiti und Vietnam sind Einzelfälle, sicher. Und beide Länder könnten Ausnahmen sein, die wenig beweisen. Sind sie aber nicht. Untersucht man für eine Vielzahl von Ländern den Zusammenhang zwischen Handelsbarrieren und Wachstumsraten, schließt man außerdem den Einfluss anderer Faktoren wie Wechselkurse oder geografische Lage aus - dann zeigt sich: gar nichts. Es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang. Die einen Länder erzielten niedrigere Wachstumsraten, nachdem sie ihre Zölle gesenkt hatten, die anderen höhere. Feststellen lässt sich nur, dass Nationen, die an Wohlstand gewinnen, meist irgendwann anfangen, ihre Handelsschranken einzureißen. Dann aber ist die Liberalisierung des Handels weniger Ursache als Folge des Wachstums.

Viele, die regelmäßig über die Globalisierung debattieren, begehen somit ein und denselben Fehler: Sie sind besessen von der vermeintlichen Verirrung der Gegenseite - und können sich nicht vorstellen, dass ein Land wirtschaftlich vorankommt, das nicht ihrer jeweiligen Ideologie folgt. Dabei zeigt schon ein Blick in die Geschichte, dass die Frage "Liberalisierung oder nicht?" offenbar nicht entscheidend ist. Die Stadtstaaten Hongkong und Singapur setzten früh auf weitgehende ökonomische Offenheit. Und prosperierten. Zahlreiche Entwicklungsländer in Lateinamerika und Afrika praktizierten in den sechziger und siebziger Jahren das Konzept der sogenannten Importsubstitution: Sie erhoben hohe Zölle auf die Einfuhr ausländischer Produkte. Seit den Achtzigern haben sie ihre Handelsbarrieren eingerissen - und erzielen heute meist niedrigere Wachstumsraten als früher. Der kleine afrikanische Inselstaat Mauritius dagegen folgte einer zweigeteilten Strategie: Er richtete einerseits "freie Exportzonen" ein, in denen ausländische Investoren, weitgehend unbehelligt von Zöllen und Steuern, Textilien für den Weltmarkt produzieren konnten. Andererseits blieb die inländische Wirtschaft mittels hoher Handelsschranken bis weit in die Neunziger hinein vom Weltmarkt getrennt. Heute ist Mauritius eines der wenigen wirtschaftlichen Erfolgsbeispiele in Afrika.

Die ökonomisch aufstrebenden Entwicklungsländer taten selten das, was eine globalisierungsfreundliche oder -feindliche Einheitslehre empfahl. Aber häufig das, was sie für das Beste hielten. Auf die Höhe von Handelshürden kam es offenbar gar nicht so an. Damit belegen sie, was der Ökonom Daron Acemoglu (Massachusetts Institute of Technology) in einem noch unveröffentlichten Artikel für die American Economic Review schreibt: Das langfristige Wachstum eines Landes hänge vor allem von der Qualität seiner öffentlichen Institutionen ab. Für ein funktionierendes Rechtssystem oder kluge Subventionen aber gibt es kein Einheitsrezept. Staaten wie Vietnam, Mauritius oder auch Südkorea und Malaysia hatten Erfolg mit pragmatischer Politik jenseits herrschender Lehren. Und bestätigen damit, was Amerika, Deutschland oder Japan zu einer Zeit vormachten, als noch niemand über die Globalisierung debattierte: dass man auf ziemlich unterschiedlichen Wegen zu Wohlstand kommen kann.

 
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