Zur Entscheidung über das Berliner Schloss
Silvia Engels im Gespräch mit Christoph Stölzl, Landesvorsitzender der CDU
Stölzl: Also ich bin ganz sicher, dass das klappen wird,
weil das Richtige und Vernünftige sich auf die Dauer dann
durchsetzt. Die Schlossfreunde haben ja seit dem Frühjahr 1990,
seit es überhaupt im Bereich des Denkbaren war, die Stadtmitte
Berlins neu zu gestalten, gesagt: Es gibt keine Alternative. Und
man kann sich freuen, dass es die anderen nach einem Jahrzehnt auch
gemerkt haben. So schwer war das nicht zu erkennen. Denn wenn man
sich Wien ohne Hofburg, München ohne Residenz vorstellt, dann sagt
man auch: Na klar! So schaut die Stadt aus! So muss sie wieder
werden!
Engels: Das heißt Sie lehnen auch Ideen einer modernen
Architektur ab? Es soll die alte Barockfassade.
Stölzl: Ich glaube, dass es da sowieso nie eine
Alternative gegeben hat, denn niemand in Berlin hat jemals gedacht,
dass man die Fassaden wirklich freigibt. Man muss ja eins bedenken:
Dieses Schloss hat eine Schachtel, einen Umriss, der mit der
barocken Bautechnik etwas zu tun hat. Hätten sie damals einen
Eiffelturm bauen können, die stolzen Preußen hätten es vermutlich
gemacht, um Macht zu demonstrieren. Aber diese Umrisse gehören
einer bestimmten Bautechnik mit einer bestimmten Ästhetik an, die
eben diese Fassade war. Und nachdem es nie strittig war, dass
dieser Kasten wieder an die Stelle sollte, weil er die Stadt
zusammenhält, finde ich, war der zweite Schritt zu sagen: Dann muss
er eben so aussehen, wie er war. Man kann Architekten nicht zu
Dekorateuren degradieren.
Engels: Aber wenn wir zurückblicken, da war ja zu Beginn
der Debatte das Argument sehr stark, den Palast der Republik zu
erhalten. Diese Stimmen wurden immer stiller. Es wurden immer
weniger. Wie erklären Sie sich das?
Stölzl: Der Palast der Republik liegt und steht falsch.
So einfach ist das. Also er war die falsche Antwort auf das
gesprengte Schloss. Er war ästhetisch immer ein Greul, weil es ein
mittelmäßiger Bau ist, der überhaupt in keinem Verhältnis steht zu
den großen Bauten drum herum. Es gab in Teilen und vor allem auch
stark in der noch existierenden SED-Strukturen der PDS getragenen
Gruppen nostalgisch angeheizte Gefühle für den Palast der Republik,
weil er in der Tat ein bisschen großstädtisches Leben in der DDR
hatte. Aber je mehr die Bürger der Bundesrepublik, auch die, die in
der DDR aufgewachsen sind, in die Welt hinausschwärmen, desto
weniger glanzvoll war die Erinnerung an den Palast der Republik,
weil er einfach hässlich ist. So einfach ist es. Er passt nicht
dahin.
Engels: Oder sehen Sie ein Zeichen darin, dass die
DDR-Historie langsam in Vergessenheit gerät?
Stölzl: Sie gerät nicht in Vergessenheit, aber sie rückt
sich zurecht, und die Erinnerung an der Diktatur verblasst. Das ist
das Eine. Darüber kann man ja traurig sein. Aber auch die
Erinnerung an diese kleinen Freuden verblasst, weil die Freiheit in
der Bundesrepublik ganz andere Freuden bietet als die Bowling-Bahn
im Palast der Republik.
Engels: Nun fragen sich ja manche: Braucht das
überschuldete Berlin noch einen Prunkbau mehr? Die
Expertenkommission Historische Mitte hatte ja geschätzt, dass ein
Schlossneubau rund 650 Millionen Euro kosten wird.
Stölzl: Entscheidend ist ja mal die Entscheidung. Es ist
ganz wichtig, dass man weiß, wie es aussehen wird. Wie lange es
dauert bis dieses Antlitz in der Mitte Berlins wieder seinen alten
Platz hat, ist eine ganz andere Frage, und darum ist mir auch gar
nicht bange. Wenn dort eine Baustelle über viele Jahre dieses
Schloss wieder herstellt, dann ist damit die richtige Entscheidung
getroffen. Die Finanzierung ist Sache der öffentlichen Hände und
der privaten, die ja immer gesagt haben, dass sie mitspenden
wollen, und das wird sich finden. Es ist schon interessant, dass es
nun keine Berliner Entscheidung mehr ist, sondern darüber im
Bundestag abgestimmt wird, was etwas klar dokumentiert, das
eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist. Die Hauptstadt gehört
dem ganzen Land, nicht den Berlinern. Mit der Entscheidung vom Juli
1991 ist klar, dass das ganze Land mitreden, mitdenken,
mitentscheiden, mit Verantwortung tragen muss, und ich denke mir,
dass die Bundesrepublik imstande ist, im Herzen ihrer Hauptstadt
das Richtige zu tun.
Engels: Trotz leerer Kassen? Wie sehen Sie denn die
Quote? Wie viel wird denn Ihrer Vermutung nach der Staat letztlich
zuschießen müssen?
Stölzl: Ich mag leichtsinnig klingen, aber ich habe mich
mit dieser Finanzierungsfrage überhaupt nicht beschäftigt, weil ich
als ehemaliger Münchener eine Kindheitserlebnisse habe. Die
Münchener haben im August 1945, als 70 Prozent der Stadt in
Trümmern lag, beschlossen, die Residenz wieder aufzubauen. Und bis
heute wird daran gebaut, und das ist auch ganz gut, weil es die
Stadt zusammenhält. Wenn eine große Stadt ein Gemeinschaftserlebnis
hat, eine Arbeit, die man zusammen tun muss, dann trägt das über
lange Zeit, und auf die lange Zeit verteilt, die man braucht, um
das Schloss zu bauen, werden die Kosten in Gottes Namen
verschmerzbar sein.
Engels: Nun ist ja Berlin nicht arm an historischen
Gebäuden, die noch stehen und kaum eigentlich erhalten werden
können. Ist denn überhaupt noch der Bedarf für ein solches
Riesengebäude zu ermitteln? Wie soll das denn gefüllt werden?
Stölzl: Die Pläne, die man da hat, mit den größten
Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, den
außereuropäischen Sammlung, sind eine gute Sache. Denn die
europäischen Sammlungen und die Sammlungen aus dem Mittelmeer sind
ja auf der Museumsinsel nördlich vom Schlossplatz versammelt. Und
so eine Art Dialog der großen Weltkulturen zustande zu bringen,
wäre in der Tat eine Idee, die wirklich hauptstadtwürdig ist, so
ähnlich, wie es der Louvre für Paris tut, seit vielen Jahren eben
ein kulturelles Zentrum zu sein. Also da hat die Kommission, glaube
ich, ganz kluge Gedanken zusammengetan. Wer sich dort sich
umschaut, der weiß, dass unbedingt ein Kraftzentrum dahin muss.
Diese Mitte Berlins ist einfach ein Loch, ein Vakuum, das
selbstverständlich kulturell gefüllt werden muss, denn das
politische Zentrum liegt ja anderthalb Kilometer westlich, um den
Reichstag, den Bundestag herum, um die Ministerien, dem Kanzleramt
herum. Und das wird ein sehr schöner Dialog werden, im Grunde wie
in Washington, wo man auch entlang diesen großen grünen Streifen
geht. Bei uns wäre das die Straße Unter den Linden, wo man zwischen
Kultur und Politik hin- und her wandelnd einen Staat begreifen
kann.
Engels: Kurz Ihre Schätzung zum Schluss: Wie lange wird
dort die große Baustelle vorherrschen?
Stölzl: Da wird ja traditionell gebaut werden müssen,
also Stein auf Stein. Es kommt darauf an, wie schnell die
Entscheidung fällt, wie das finanziert wird, aber so etwas dauert
schon ein, zwei Jahrzehnte.
Engels: Vielen Dank für das Gespräch.
©Deutschlandfunk 2002
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