P O R T R Ä T Das finnische Geheimnis

Gesamtschule für alle und ein intaktes Gemeinschaftsgefühl haben Finnland in Bildung und Wirtschaft an die Weltspitze gebracht. Jetzt gefährdet die High-Tech-Krise den sozialen Frieden

Auch in Finnland mögen die Mädchen vor allem Pferde- und andere Tiergeschichten und die Jungen Krimis. Und alle lesen das Kalevala, das finnische Nationalepos. Es handelt vom Kampf und von der Versöhnung von Tieren und Waldgeistern mit Hexen- und Menschenvolk. Die Helden versprechen, eines Tages mit einer Zaubermühle zurückzukehren. Gold und Mehl und Salz soll sie mahlen. Eine neue Kantele werden sie bringen. Die flügelförmige finnische Zither wird alles Leben mit ihrer Musik verzaubern. Mit strahlendem Licht werden sie wiederkommen, da doch die Nordlandherrin in ihrem Zorn Sonne und Mond versteckt hat. Der nationale Mythos ist Pflichtlektüre. Er unterscheidet sich so sehr vom Schlachtengemetzel des Nibelungenliedes wie die in sich gekehrten Jungen und Mädchen auf diesem finnischen Schulhof von den in den Pausen befreit aufschreienden Schülern deutscher Schulen.

Die Starken fordern und die Schwachen fördern

Über den Ansturm auf die Schulbibliothek freut sich Kristiina Siimes, 32, obwohl sie die Bibliotheksleitung zusätzlich zu ihrem Amt als Klassenlehrerin übernommen hat. In ihrer dritten Klasse sitzen 32 Kinder, die Neunjährigen, denen sie 24 Stunden Unterricht in der Woche erteilt, Schwerpunkte sind Finnisch und Mathematik. Alle Kinder müssen Schwedisch sowie eine zweite Fremdsprache lernen. Zwei weitere Sprachen können dazugewählt werden. Die meisten entscheiden sich für Englisch, Deutsch oder Französisch. Den Begabtesten gibt die Lehrerin eigene, schwierigere Aufgaben. Einmal in der Woche üben die Kinder im Computerraum. Im nächsten Jahr werden die Besten der Klasse eine Homepage gestalten. Aber die Lehrerin fordert nicht nur die Starken, sie fördert auch die Schwachen. Acht Kinder erhalten von ihr Sonderunterricht in Mathematik, vier in Finnisch. "Keiner darf zurückbleiben", sagt Kristiina Siimes, "das verlangt auch mehr Einsatz von den Lehrern."

Wenn einzelne Schüler ihre Hausaufgaben vernachlässigen, trifft sich die Lehrerin mit ihnen nachmittags in der Schule. Schüler, die schwere Probleme haben, überweist sie an eine "Lösungsgruppe". Sie setzt sich aus einem kommunalen Kurator, einem Schulpsychologen, einem Lehrerassistenten, einer Gesundheitsfürsorgerin, einem Sonderpädagogen, einem Schullaufbahnberater und einem Arzt zusammen.

Mindestens einmal im Jahr trifft sich Kristiina Siimes mit jedem einzelnen Schüler zum gemeinsamen Gespräch mit ihm und seinen Eltern. Zweimal im Jahr finden Elterntreffen statt, zu denen so gut wie alle erscheinen. Das Interesse der Eltern am schulischen Fortkommen ihrer Kinder, sagt die Lehrerin, sei ausgesprochen groß. Von der siebten Klasse an bis zum Abschluss nach der neunten übernehmen Fachlehrer die einzelnen Disziplinen. Bis dahin trägt Kristiina Siimes praktisch allein die Verantwortung für ihre Schar: "In meiner Klasse ist bisher nur einer sitzengeblieben, aber auch das ist zu viel." Mit der zielgerichteten Förderung aller Kinder, um die Finnland vom Rest Europas beneidet wird, ist sie längst noch nicht zufrieden.

Sie möchte außerdem mehr Zeit und Mittel haben, um individuell auf die Spitzenbegabungen einzugehen. Den ersten Platz im Pisa-Nationenvergleich nimmt sie mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis. Sie glaubt, das gute Abschneiden könne die Politiker zu Kürzungen im Bildungsetat veranlassen. "Dass wir nicht schlecht sind, haben wir gewusst", lacht sie, "aber gleich die Besten der Welt!" Milder Spott spricht aus ihren Augen, "wie schlecht müssen da die anderen sein".

Fürwahr, wie schlecht. Während die finnischen Schüler am Ende ihrer Pflichtschulzeit den ersten Platz in Lesekompetenz sowie in mathematischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten belegen, weist die Pisa-Studie den deutschen Altersgenossen Rang 21 zu, im letzten Drittel aller OECD-Staaten. Seitdem pilgern Journalisten und Experten in den hohen Norden, um das finnische Geheimnis zu ergründen. Wer sich die Vielzahl von Maßnahmen und Qualitäten näher ansieht, die Finnlands Schüler an die Spitze gebracht haben, wird zwei dominierende Prinzipien erkennen: "Leistungsorientierung" und "Förderung aller statt Auslese".

Tarja Halonen, die Staatspräsidentin des Landes, verweist mit unverhohlenem Stolz auf die Folgen: Dieselbe Leistungsorientierung und ebendiese Förderung statt Auslese hätten Finnland auch zur führenden Volkswirtschaft gemacht. Halonen war Rechtsanwältin der zentralen Gewerkschaftsorganisation, nacheinander Gesundheits-, Justiz- und Außenministerin, bevor sie im Februar 2000 als erste Frau in das höchste Staatsamt gewählt wurde. Sie empfängt den Besucher im eher bescheiden anmutenden Präsidentenpalais, das früher die Residenz des Zaren in seinem russischen Großfürstentum Finnland war. Von der Halle im zweiten Stock des Palais blickt man über den Markt am Hafen bis zur Insel Suomenlinna. Die Schweden, früher ebenfalls Herrscher über Finnland, hatten das Eiland vor 250 Jahren gegen die "russische Gefahr" vergeblich zur Festung ausgebaut. Aber lange hält sich die Präsidentin nicht auf mit der Erinnerung an die Geschichte ihres Landes. Sie ist schnell wieder in der Gegenwart. "Wir sind heute das Land mit der höchsten Wettbewerbsfähigkeit", unterstreicht die Präsidentin (siehe Interview Seite 12), "das Land mit dem höchsten Technologiestandard und der geringsten Korruption."

Keine leeren Worte: Das Schweizer Weltwirtschaftsforum hat den Finnen für 2001 die höchste Wettbewerbsfähigkeit im Kampf um nationale Standorte bescheinigt. Die Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen UNDP sieht Finnland als das technologisch am weitesten entwickelte Land der Erde an. Und: In seinem Global Competitiveness Report 2001-2002 setzte das International Institute for Management Development (IMD) Finnland nach den USA an die Spitze.

Was haben die Finnen, das wir nicht haben?

Für Rainer Domisch ist die Antwort klar. Wenn es einen Experten für diese Frage gibt, dann ist es dieser Lehrer aus Schwäbisch-Hall. Domisch arbeitet seit neun Jahren am Goethe-Institut in Helsinki als Fachberater für Deutsch. Gleichzeitig ist er Berater im finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen, der obersten Schulbehörde. Die Bundesregierung hat ihn an Finnland ausgeliehen, um den Deutschunterricht an den Schulen zu entwickeln. Als Domisch in den Norden kam, lernte niemand Deutsch. Heute wählen 39 Prozent der Schüler diese Fremdsprache, vor allem auch deshalb, weil Deutschland in den letzten Jahren zum wichtigsten Handelspartner Finnlands geworden ist. Wie sehr der Einsatz des deutschen Experten geschätzt wird, beweist die Bitte der finnischen Regierung, von der turnusmäßigen Ablösung des Pädagogen abzusehen und ihn weiter an Finnlands Bildungsfront zu belassen.

Domischs Chef Jukka Sarjala, der Präsident des Zentralamts, hat als Grundsatz der finnischen Bildungsphilosophie ausgegeben: "Wir sind nur fünf Millionen; wir können es uns gar nicht leisten, auch nur ein Kind nicht zu fördern." Was können deutsche Lehrer daraus lernen? "Dass sie anfangen sollen", der freundlich-leise Domisch wird plötzlich laut, "ihre Kinder so gern zu haben wie ihren Stoff."

Für ihn gibt es eine zentrale Voraussetzung für den hohen Bildungsgrad finnischer Schüler: die Gesamtschule. Das Bildungssystem im Lande verfüge über eine Fülle hervorragender Eigenschaften: Schulbücher und anderes Unterrichtsmaterial, Schultransport und warmes Schulessen seien kostenfrei. Überall werde Ganztagsunterricht angeboten. In den Klassen seien hoch qualifizierte, hoch motivierte Lehrer anzutreffen, die ein großes Ansehen genießen. Auch das Angebot an Pflicht- und Wahlfächern sei äußerst vielfältig. "Doch alle diese Qualitäten kommen nur richtig zur Geltung, weil in Finnland die Gesamtschule die Regelschule ist."

Nach den Erfahrungen von Domisch tritt in einem gegliederten Schulsystem an die Stelle der Förderung aller Schüler die "Auslese in oben, mittel und unten". Die Eltern würden ihre Kinder auf die beste für sie erreichbare Schule schicken mit der Folge, dass sich in den besten Schulen die Kinder aus reichem Hause tummeln. Die anderen erhielten ein schlechteres Angebot. Das System einer gemeinsamen Schule halte dagegen die Lehrer in der Verantwortung für alle Kinder. Kein Kind dürfe abgeschoben werden. Im deutschen System würden die Kinder nach unten weitergereicht. In Finnland dürfe keine Ausgrenzung stattfinden: "Alle müssen gut ausgebildet ans Ziel kommen."

Es ist nicht an dem deutschen Beamten Domisch, sich öffentlich über die Reaktionen deutscher Politiker auf den finnischen Erfolg zu äußern. Aber dass er sich gewundert hat, darf man annehmen. Denn um den Kern des "Modells Finnland", nämlich die Ausschöpfung des gesamten gesellschaftlichen Potenzials durch ein einheitliches Schulsystem, macht die deutsche Politik einen großen Bogen. Gerhard Schröder zeigte sich - wie viele - erschrocken, "dass ein Land mit der wirtschaftlichen und politischen Bedeutung Deutschlands nicht in der internationalen Spitzengruppe der Bildungsnationen mithalten kann". Ganz im Sinne von Rainer Domisch beklagte der Bundeskanzler, dass "in keinem vergleichbaren Land die soziale Herkunft so sehr über den Bildungserfolg entscheidet wie bei uns. Wir sind, was die Bildungschancen angeht, ein gespaltenes Land."

Doch den Grund für diese Spaltung, das gegliederte Schulsystem, erwähnte er erst gar nicht. Die Sprecherin des Bayerischen Ministeriums für Unterricht und Kultus, Brigitte Waltenberger, ist gar der Meinung, "dass die Frage der Schulsysteme in den Ergebnissen der Pisa-Studie überhaupt keine Rolle gespielt hat". Doch der Zusammenhang von Schulsystem und Lernerfolg ist allzu offensichtlich. In der Pisa-Studie schneiden die Länder mit Gesamtschulsystem durchweg besser ab als Länder mit gegliedertem System. Österreich zum Beispiel gibt umgerechnet 70 000 Dollar pro Schüler aus - mehr als jedes andere Land der Erde. Dennoch rangiert Österreich nur auf Platz zehn. Es hat ein gegliedertes Schulsystem.

Den Einfluss des Systems hat die Pisa-Studie im Einzelnen zwingend dargelegt. Gegliederte Schulsysteme führen zu ihren erklärten Zielen: der Auslese und Ausprägung unterschiedlicher Leistungsniveaus in den verschiedenen Schularten. Dementsprechend weisen sie die höchsten Leistungsunterschiede zwischen den einzelnen Schulen auf. Kinder aus Familien mit höherem sozialem Status stellen in den besseren Schulen die Mehrheit. In einheitlichen Gesamtschulsystemen sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen relativ gering. Das Leistungsniveau variiert auch dort - aber innerhalb der jeweiligen Schulen. Und der Durchschnitt liegt stets höher. Die Pisa-Studie kommt zu dem klaren Ergebnis, dass die allgemeinen Leistungen dort am schlechtesten sind, wo die Unterschiede zwischen den Schulen am größten sind. Und dort am besten, wo die Variationen vor allem innerhalb der Schulen stattfinden. Die Starken ziehen die Schwachen mit. Aber sie lernen auch von ihnen. Das längere Zusammenlernen der unterschiedlichen Begabungsstufen hebt das allgemeine Bildungsniveau.

Wie aber ist es um die Ausbildung schulischer Eliten bestellt? Ist das gegliederte Schulwesen wenigstens hier überlegen? Keineswegs. In Finnland erreichen 18 Prozent der Schülerinnen und Schüler das höchste Niveau (Stufe 5), in Deutschland nur 9 Prozent. 32 Prozent der Finnen, aber nur 19 Prozent der deutschen erklimmen Stufe 4, die zweitbeste Kategorie.

Und am unteren Ende, wo die gegliederte Schule "angemessen" fördert? Da steht Deutschland, wo 10 Prozent aller Schüler noch unterhalb der Stufe 1 liegen, auf dem fünftschlechtesten Platz aller 32 Länder. Nur Luxemburg, Mexiko, Lettland und Brasilien entlassen so viele Schüler mit einem so geringen Bildungsstand.

Klassenziel: Mit Anstand schwer betrunken werden

Dass Finnland gleichzeitig das Land der besten Allgemeinbildung und der Bildungselite ist, zeigt sich bei den jährlichen Abiturfeiern. Sie sind alles andere als akademische Veranstaltungen, eher lustige Volksfeste. Jeder Zweite schafft das Abitur, in Deutschland ist es nur jeder Vierte. So ziehen denn in Helsinki am letzten Schultag Tausende mit geliehenen Abitursmützen zwischen Schwedischem Theater und Hafen auf den Esplanaden auf und ab. Gebührend ehrerbietig stehen Familienangehörige und Freunde am Rand Spalier. Das Feld gehört den jungen Jubiliaren, die in kleinen Gruppen mit Bier und Wodkaflaschen in den Händen umherstreifen.

Vom "typischen finnischen Trinken", wo angeblich jeder Schluck ein trotziger Widerstandsakt gegen die infame Obrigkeit darstellt, die dem finnischen Arbeiter jahrzehntelang Alkohol verboten hat, ist wenig zu bemerken. Hier findet ein fröhliches Massengelage statt. Es geht darum, mit Anstand schwer betrunken zu werden. Inmitten eines Rudels männlicher Mützenträger schwingt ein bleicher, magerer Junge eine feurige Rede. Die trunkenen Kameraden hören verständnislos, aber begeistert zu. "Kari, unser Genie." Der junge Mann hat die besten Noten seiner Schule erzielt. Überragend war er in Mathematik. Doch er weiß nicht, ob er studieren soll. Vielleicht, sagt er heiter, gehe er in den Laden seines Bruders und mache endlich etwas Kreatives.

Vor vier Jahren hat der Bruder ein Start-up gegründet, eines dieser fixen IT-Unternehmen. Entwickelt seitdem die Software für Websites kommerzieller Unternehmen. "Millionen macht der", lallt Kari andächtig, "allein sein Boot kostet Millionen." Jetzt noch Millionen, mitten in der IT-Krise? "Du verstehst dieses Land nicht. Wir Finnen sind große Schweiger, wir haben die Telekommunikation doch nur erfunden, um nicht mehr persönlich miteinander reden zu müssen. Hier kann es gar keine IT-Krise geben." Fröhliche Unwahrheiten sind das. Natürlich weiß jeder, dass es eine Krise gibt. Kari und seine Kameraden bleiben trotzdem optimistisch. Sie wissen, Finnlands Erfolg basiert auf ihrem Vorsprung an Know-how, an Wissen und Bildung.

Sie leben in einer "Standort-Leistungsgemeinschaft", überzeugt, dass alle sich an ihrem Platz mit aller Kraft zum Wohle aller einsetzen. Wenn man Alpo Kuparinen, den stellvertretenden Generaldirektor in der Technologieabteilung des finnischen Ministeriums für Handel und Industrie, nach den Gründen für das finnische Wirtschaftswunder fragt, dann antwortet dieser Wirtschaftsexperte: "Entscheidend ist, dass in Finnland der soziale Fortschritt des Einzelnen mit der Lösung der wirtschaftlichen Probleme der Gesellschaft zusammenfällt."

Kuparinen hat seit 15 Jahren die Aufgabe, finnische Technologien politisch zu realisieren. Was in der Schule gelte, passe auch für die Industrie: "Jeder wird nach seiner Leistungskraft ausgebildet und kann dementsprechend Wirtschaft und Gesellschaft mitgestalten." Deshalb sei es dem Staat seinerzeit auch nicht schwer gefallen, die entscheidenden Akteure der Wirtschaft zusammenzuführen. Im Rat für Wissenschafts- und Technologiepolitik, dem stets der Ministerpräsident vorsitzt und dem die führenden Repräsentanten von Wirtschaft, Gewerkschaft und Wissenschaft angehören, werden strategische Grundfragen Finnlands entschieden. In zwei Unterausschüssen, dem Komitee für Wissenschaft und dem für Technologie, wird für die Feinabstimmung gesorgt. Kuparinen schaut zurück: "Bevor wir die Ausgaben für Forschung und Entwicklung vervielfachten, haben wir für eine enge Verzahnung von Ausbildung, Forschung und Produktion, für das Ineinandergreifen staatlicher, universitärer und unternehmerischer Vorhaben gesorgt."

An der High-Tech-Produktion lässt sich das Ausmaß dieses nationalen Projekts zur Modernisierung ablesen: Der Wert der 2001 exportierten High-Tech-Produkte war zehnmal höher als der Wert aller finnischen Exporte im Jahre 1990. Das "richtige Zusammenspiel der Akteure" ist in Finnland nichts weniger als die gemeinsame nationale Sache. Das Zusammenspiel setzt voraus, dass die Kinder nicht schon im zarten Alter in Sieger und Verlierer sortiert werden, dass sie nicht an verschiedenen Schultypen sozusagen auf das Ober-, das Mittel- und das Unterdeck für die Kreuzfahrt des Lebens verteilt werden. Finnische Kinder bleiben mindestens neun Jahre zusammen. Sie sammeln einen gemeinsamen Fundus an Kultur und Weltsicht. Leistungs- und Positionsunterschiede können sie als sachlich gerechtfertigt akzeptieren, nicht vorweg gesetzt durch soziale Herkunft. Die schulischen Autoritäten werden als Menschen erlebt, die am Fortkommen der Schüler interessiert sind. Statt permanenter Kontrolle ausgesetzt zu sein, werden sie zur eigenen Verantwortung ermuntert. Die Unterschiede zwischen oben und unten fallen gering aus. In Finnland liegt das unterste Viertel der Schüler nur knapp 10 Prozent hinter dem obersten Viertel (in Deutschland sind es über 20 Prozent).

Finnlands Tugenden: Schweigen und verstehen

Das große bevölkerungsarme Land hat es in mancherlei Hinsicht heute leichter als andere. Es gibt keine "Hochsprache" und "niedere Dialekte", alle sprechen die gleiche Sprache. Die dichte nationale Identität hat auch historische Ursachen. Der lange Kampf um die nationale Selbstbestimmung war erst 1917 nach der Revolution in Russland von Erfolg gekrönt. Die Unabhängigkeit musste in bitteren Kriegen verteidigt werden. Doch die kulturelle Grundlage, das Arsenal der verbindlichen sozialen Werte, wie sie Alpo Kuparinen für das finnische Modernisierungsprojekt beschreibt, bleibt die Gesamtschule.

Kuparinens Frau studiert das finnische Wesen, seit sie vor 13 Jahren als Lehrerin an die Deutsche Schule in Helsinki kam. Sie heißt Dorothea Grünzweig, ist eine Lyrikerin voll Feinsinn und gebändigter Leidenschaft, charakterliche Eigenschaften, die sie auch den Finnen zuschreiben würde. Eines ihrer schönen Gedichte, Verankerung, endet mit den Zeilen: "Ich sammle mich / und hänge wie Fische / die überschüssigen Wünsche / zum Trocknen auf / für spätere ferne Zeiten / Ruhig atme ich das Leben / aus / ein."

Im kleinen Café vor den alten Markthallen, dessen finnisches Sushi dem japanischen ebenbürtig ist, lässt es sich trefflich über das Wesen der Finnen sinnieren. Ein paar hundert Meter entfernt strahlt das weiße Präsidentenpalais in der zu dieser Jahreszeit nicht mehr untergehenden Sonne. Flache Boote schaffen die wenigen nicht verkauften Lachse vom Markt. In der weiten Bucht liegen die sechs Inseln, die den Hafen von Helsinki bewachen. Ja, sagt Dorothea Grünzweig, der Finne habe die Bereitschaft, sich abzufinden mit der Welt, das Schicksal anzunehmen und sich selbst nicht wichtig zu nehmen. Große Bescheidenheit zeichne ihn aus. Daher könne er sich umso besser auf das Wesentliche konzentrieren. Das Schweigen der Finnen sei eine Tugend. "In Deutschland wird viel weggeschwätzt. Das viele Reden hindert oft am Denken. Schweigen lässt Raum für andere Wahrnehmungen, die Stille hilft, das Wesentliche zu erfassen."

Der Finne habe eine Doppelidentität. Einerseits sei er strikt pragmatisch, utilitaristisch. Andererseits habe er auch heute noch eine animistische Seite. Die Natur sei für ihn beseelt. Die Industrialisierung ist erst jüngst geschehen. Jeder hat noch Verwandte auf dem Land. Die Jugendlichen verbringen ihre Ferien dort, viele Wochen in Stille, ohne Programmbedarf. "Heute werden Kurse in Small Talk für finnische Geschäftsleute angeboten. Ich halte es mit einem hiesigen Kollegen, der sagt: Wenn die EU jetzt von uns verlangt, dass wir Small Talk lernen, dann sollten wir verlangen, dass die Deutschen und Italiener das Schweigen lernen."

Es ist erst zwölf Jahre her, dass das Land in die schlimmste Krise seiner jüngeren Geschichte stürzte. Damals fiel der Realsozialismus mitsamt seiner Zentrale, der Sowjetunion, in sich zusammen. Finnland verlor mit einem Schlag die Exportmärkte, auf die es seit Jahrzehnten seine gesamte Produktion ausgerichtet hatte. Für den kapitalistischen Weltmarkt war das Land nicht gerüstet. Die bis dahin stets positive Handelsbilanz wies 1990 ein gravierendes Minus auf. Die Importe waren plötzlich doppelt so hoch wie die Exporte. In jenem Jahr stagnierte das Volkseinkommen. Im Jahr darauf schrumpfte es um 6,3 Prozent, die Arbeitslosigkeit stieg auf über 20 Prozent. Päivi Uljas findet es heute noch selbstverständlich, dass die Gewerkschaften sich in dieser Existenzkrise mit Regierung und Arbeitgebern auf ein opferreiches Programm einigten. Auch sie, die Sekretärin der Gewerkschaft der Beschäftigten der Lebensmittelindustrie (SEL), wollte aus dem rückständigen Land so schnell wie möglich einen weltweit wettbewerbsfähigen Standort machen.

Päivi Uljas schaut aus wie das personifizierte "Sisu". Vom Sisu sprechen die Finnen vor allem im Sport. Damit meinen sie die Gewissheit, zu siegen und dieses Ziel mit Ausdauer und Zähigkeit zu verfolgen. Im Vorjahr wandten die Mitglieder der SEL ihren Sisu gegen die Regierung. Die wollte nur eine Schnapsfabrik privatisieren. Mit Streiks, Unterschriftensammlungen und Demonstrationen im ganzen Land verhinderte die Gewerkschaft das Vorhaben. Bei den trinkfreudigen Mitbürgern, die für Alkohol die höchsten Preise Europas bezahlen müssen, brachte ihr das eine Menge Sympathien ein. Jetzt hat diese Gewerkschaft zum allgemeinen Angriff auf die Regierungspolitik geblasen. "Denn", sagt Päivi Uljas, "wir haben genug Opfer gebracht." Jetzt, da Finnland volkswirtschaftlich an der Spitze stehe, "müssen wir Arbeiter und Angestellten endlich was zurückbekommen".

Der Opfergang der finnischen Arbeiter im vergangenen Jahrzehnt war in der Tat lang und schmerzlich. 1990 noch betrug der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen 55 Prozent, im Jahr 2000 waren es nur noch 45 Prozent. Im selben Zeitraum verdoppelte sich der Anteil der Unternehmereinkommen von 14 Prozent auf 28 Prozent. Gleichzeitig mit dem Verfall der Löhne mussten die Arbeitnehmer den Abbau des Sozialstaates hinnehmen. Von 1992 bis 2000 gingen die Sozialausgaben von 34 Prozent auf 25 Prozent zurück. "Viel zu lange schon", sagt die Gewerkschaftssekretärin grimmig, "haben wir stillgehalten. Die Nummer eins sind wir im internationalen Wettbewerb, na bitte, also können die Unternehmer zahlen, mehr Löhne und Gehälter und auch mehr Steuern."

Nokia, der liebe Riese, ist nicht mehr so lieb

Da sind die Bosse von Nokia anderer Meinung. In Amerika nannte man eine Industriestadt, in der nur eine große Firma das Sagen hatte, eine one-company town. Vielleicht ist es übertrieben, Finnland als one-company country zu bezeichnen. Doch hat der IT-Konzern eine herausragende Bedeutung. Im Jahr 2000 trug Nokia ein Drittel zum Wachstum der Volkswirtschaft bei. In nicht wenigen Städten ist Nokia das dominierende Großunternehmen. Salo zum Beispiel, eine gute Autostunde nordwestlich von Helsinki, hat 22 000 Einwohner, das örtliche Nokia-Unternehmen gibt 5000 Menschen Arbeit. Wer dort seine Stelle verliert, findet in der ganzen Region keine vergleichbare mehr.

Hella arbeitet bei Nokia in Salo in der Materialbeschaffung für die Produktion. Sie ist 50 Jahre alt. Drei Entlassungswellen hat sie überlebt, auch die im letzten Jahr, als Nokia im ganzen Land 6000 Arbeitsplätze abbaute. "Wahrscheinlich ist es so im Krieg", sagt sie achselzuckend. "Wenn es so oft neben den Soldaten eingeschlagen hat und sie immer noch am Leben sind, fühlen sie sich sicher." Als aber Nokia-Chef Jorma Ollila Ende vergangenen Jahres im Fernsehen damit drohte, Nokia werde sein Wachstum in Zukunft nur noch im Ausland fortsetzen können, sollten in Finnland nicht die Steuern für höhere Einkommen gesenkt werden, bekam es Hella wie viele Finnen mit der Angst. Sie meldete sich für einen weiteren Sprachkurs in London an, denn die Umgangssprache bei Nokia ist Englisch, und sie beherrscht diese Sprache nicht so gut wie die Jungen. Hella sorgt sich, und ihre Sorge stellt sich nach allem, was Nokias Senior Vice President Lauri Kivinen zu sagen hat, als berechtigt heraus. Die Nokia-Zentrale, wo Kivinen sein Büro hat, liegt in Suomis Silicon Valley, in Espoo. Espoo wurde erst 1972 zur Stadt, als man fünf Vororte Helsinkis zusammenfasste. Heute sind dort Hunderte IT-Unternehmen angesiedelt, und Espoo ist mit 200 000 Einwohnern zur zweitgrößten Stadt Finnlands gewachsen.

Wie es der Nummer eins unter den Handyherstellern der Welt zukommt, hat Nokia die größten Würfel aus Glas, Stahl und Beton an die Ostseeküste gesetzt. Kivinen hat jahrelang in Deutschland gearbeitet. Er kennt die Welt und lobt gerade deshalb seine Finnen. Die soziale Homogenität wertet er als besonders produktives Plus. "Wo immer Talente sind, sie werden gefördert und entwickelt. Man versteht einander und hat Verständnis füreinander." Aber die Zeiten werden wieder härter, und härter wird dann auch der Umgang der Sozialpartner miteinander. Der "liebe Riese" Nokia, wie Gewerkschafter frotzeln, ist nicht mehr so lieb. Für 2002 musste der Konzern seine Prognosen nach unten korrigieren. Bei den Mobiltelefonen erwartet man jetzt ein Minus von 5 bis 10 Prozent, bei den Networks gar von 20 bis 25 Prozent. Weitere Entlassungen stehen an. Angesichts der anhaltenden IT-Krise sollen die Standortvorteile ausgebaut werden. Wenn die Spitzensteuersätze von 60 Prozent in Finnland nicht gesenkt würden, sagt Lauri Kivinen, bliebe für Nokia, das auf die besten und teuersten Spezialisten angewiesen sei, keine andere Wahl als das Ausland.

"Soll Nokia doch abhauen." Aila Pervonsuo ist eigentlich eine konziliante Person. Aber beim Sozialabbau hört für sie die Freundlichkeit auf. "Jeder weiß doch, wir brauchen höhere Steuern, um unsere soziale Infrastruktur zu erhalten. Ich selbst würde noch höhere Steuern zahlen, wenn ich sicher sein kann, dass mein Kind eine anständige Ausbildung bekommt und, wenn es krank ist, eine gute medizinische Betreuung." Ihre Tochter ist 18 Jahre alt und wird im nächsten Jahr Abitur an einem Kunstgymnasium machen. Als Aila Pervonsuo schwanger war, hat ihr Freund sie verlassen. Er sagte, er sei nicht bereit gewesen für ein Kind. Sie hat ihre Tochter allein erzogen. "Und ich bin mit dem Resultat sehr zufrieden." Bei der Zeitschrift Welt der Technik verdient sie als Redakteurin 2400 Euro im Monat. Nach Steuern und Hypothekenzinsen bleiben noch 1000 Euro zum Leben. Der Exfreund zahlt 150 Euro Unterhalt. "Uns geht es gut", lacht Aila Pervonsuo trotzdem.

Jetzt kommt es wieder zum Kampf gegeneinander

Seit über zehn Jahren engagiert sie sich im Verein Alleinerziehender. In Finnland sind beinahe 20 Prozent aller Eltern Alleinerzieher. Wiederum ein Viertel von ihnen steckt in der untersten Lohngruppe. "Es tut einem selbst gut, anderen Leuten zu helfen", findet die Redakteurin. Wegen ihrer sozialen Ader empfindet sie die gegenwärtige innenpolitische Debatte nur als "Frechheit". Noch immer sind über zehn Prozent der Erwerbsfähigen arbeitslos. Die Zahl der Dauerarbeitslosen wächst. 200 000 Menschen leben am Rand des Existenzminimums. Das nationale Projekt Modernisierung produziere immer mehr Verlierer, doch das nationale Netz, das sie bisher auffangen konnte, werde grobmaschiger: "Die Kluft zwischen Reich und Arm wird ständig größer." Ob Kranke oder Behinderte, Alte oder Kinder, ob Arbeitslosengeld oder Mietzuschuss, für alle und alles, was den Finnen jahrzehntelang selbstverständlich war, "ist kein Geld mehr da". Nun sollen auch noch die Bildungsausgaben gekürzt werden - acht Prozent weniger im nächsten Jahr.

Aila Pervonsuo - "ich bin seit den siebziger Jahren gewöhnt, aktiv zu werden, wenn mir was nicht passt" - ist Mitglied von Attac geworden. Attac Finnland hat sich vorgenommen, die negativen Folgen der Globalisierung zum Thema zu machen. Zusammen mit den Gewerkschaften wandten sich die Attac-Mitglieder auf dem Finnischen Sozialforum 2002 gegen jede weitere neoliberale "Verbesserung" des Standorts Finnland. Sie forderten die Anerkennung der Ansprüche der Gewerkschaften und der Armen. "Dieser Kampf wird sehr schwer", fürchtet Johan von Bonsdorff, der neben Carl Bildt, dem schwedischen Diplomaten, einer der Mitbegründer von Attac in Skandinavien ist. "Finnland hatte stets auch eine Tradition des one-opinion country", sagt Bonsdorff. Der Bruderkrieg zwischen Linken und Rechten im Jahre 1917 habe die Finnen traumatisiert. Seitdem sei Harmonie das oberste Gebot. Auch er sieht Finnland als noch nicht erwachsene Industrienation, für die die Moderne womöglich zu schnell kam: "Uns prägt noch das Agrarzeitalter. Jeder war auf sich gestellt in diesem riesigen Land. Wenn man sich traf, hatte das mit Familie und freudigen Ereignissen zu tun. Jetzt kommt es zum Kampf gegeneinander. Für die Finnen ist das neu."

Das finnische Modell, die eingeschworene nationale Leistungsgemeinschaft, steht demnach vor der Zerreißprobe. Mehr globale Wettbewerbsfähigkeit hieße womöglich, den Partnerschaftsvertrag mit den Gewerkschaften außer Kraft zu setzen. Die Ansprüche der Arbeitnehmer und Modernisierungsverlierer zu erfüllen würde dagegen dem Standort Finnland die Vorteile nehmen. Schon hat der Internationale Währungsfonds eine ernste Krise vorausgesagt, wenn nicht Spitzensteuersatz und öffentliche Ausgaben in Finnland drastisch gekürzt würden. Die gemeinsame Geschichte, Kultur und das Bildungssystem haben Finnland zusammengeschweißt. Der globale Wettbewerb schafft es, das Volk wieder in einzelne Teile zu zerlegen.

 
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